Elternbasis
Begleitperson stabilisiert Gebärende in aufrechter Pressposition mit Kissenstützung, Austreibungsphase in der Klinik

Lektion 3 von 5

Austreibungsphase begleiten

Pressphase unterstützen: und Pressen in der Eröffnung vermeiden

ca. 38 Minuten · inkl. Wissenscheck

Die Austreibungsphase beginnt, wenn die Gebärmutter vollständig geöffnet ist, zehn Zentimeter Dilatation. Jetzt wandert das Baby durch den Geburtskanal nach außen. Für viele Gebärende ändert sich das Gefühl: statt wellenförmiger Wehen oft starker Druck nach unten, manchmal der unwiderstehliche Reflex zu pressen. Für Sie als Begleitperson ändert sich die Rolle: weniger Geduld und Warten, mehr aktive körperliche Unterstützung und Ermutigung ohne Druck.

Diese Lektion konzentriert sich auf das, was Sie in der Austreibung tun, und auf das, was Sie in der Eröffnung nicht tun dürfen: die Gebärende zum Pressen auffordern, bevor der Muttermund vollständig geöffnet ist. Frühes Pressen ist einer der häufigsten Fehler unvorbereiteter Begleitpersonen, gut gemeint, aber schädlich.

Sie lernen: wie Sie Presspositionen vorbereiten und stabilisieren; wie Sie mit dem medizinischen Team bei dirigierter Pressphase mitzählen und mithelfen; was Sie sagen und was Sie lassen; wann Advocacy wichtiger wird (PDA, Erschöpfung, Dammschnitt-Diskussion). Die Austreibung dauert bei Erstgebärenden oft 30 Minuten bis zwei Stunden, kürzer bei Wiedergebärenden, aber nicht vorhersehbar.

Nach der Geburt des Babys folgt die Nachgeburt (Plazenta), vertieft in Lektion 5. Hier geht es um die intensivste körperliche Phase: Pressen, Druck, Durchhaltevermögen, für die Gebärende und für Sie als stetige Begleitung.

Eröffnung vs. Austreibung: der entscheidende Unterschied

Schema Eröffnung versus Austreibung: Muttermund öffnet sich zuerst, Pressphase beginnt erst bei 10 cm Dilatation
Abb. Pressen gehört in die Austreibung bei vollständiger Öffnung, nicht in die Eröffnungsphase.

In der Eröffnungsphase öffnet sich der Gebärmutterhals. Pressen gegen einen noch nicht vollständig geöffneten Muttermund kann zu Schwellung der Zervix, Erschöpfung der Gebärenden und verlängerter Geburt führen. Die Hebamme beurteilt, wann 10 cm erreicht sind, nicht Sie. Bis dahin: atmen, loslassen, Position wechseln.

In der Austreibung ist Pressen physiologisch und erwünscht, im Rhythmus der Wehe, oft mit Anleitung des Teams. Manche Gebärende pressen spontan und kraftvoll; andere brauchen Zeit, den Pressreflex zu finden, besonders mit Periduralanästhesie (PDA), die Druckgefühl dämpfen kann.

Ihre Aufgabe als Begleitperson: den Unterschied kennen und nicht voreilig in die Press-Coach-Rolle schlüpfen. Wenn die Gebärende in der Eröffnung sagt „Ich muss pressen“: beruhigend begleiten, „Atme durch die Wehe, lass den Druck da sein, dein Körper öffnet sich noch.“ Wenn unsicher: Hebamme rufen lassen.

Mythos: Pressen ab der ersten Wehe beschleunigt die Geburt.
Fakt: Pressen vor vollständiger Eröffnung kann den Muttermund anschwellen lassen und die Geburt verzögern. Geduld in der Eröffnung, Kraft in der Austreibung.
Mythos: Wenn sie Druck spürt, ist sie automatisch bereit zu pressen.
Fakt: Druckgefühl kann schon in späten Eröffnungszentimetern auftreten, ohne dass 10 cm erreicht sind. Hebamme entscheidet, wann Pressen sinnvoll ist.

Frühes Pressen vermeiden

Der DHV weist darauf hin, dass voreiliges Pressen in der Eröffnungsphase den Geburtsverlauf stören kann. Begleitpersonen unterstützen, indem sie zum Loslassen und Atmen ermutigen, nicht zum Pressen, bis das medizinische Team die Austreibungsphase bestätigt.

Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)

Pressphase unterstützen: Positionen und Stabilität

Aufrechte und gebückte Positionen nutzen die Schwerkraft: Hocken mit Unterstützung, Vorwärtsbeuge über Geburtsball oder Bettrand, Seitenlage mit angezogenem Bein, aufrecht auf Hocker oder Toilette. Sie helfen: Kissen positionieren, Beine oder Rücken stabilisieren, Geburtsball halten, damit sie sich nicht verrenkt.

Halten Sie körperlich durch, aber achten Sie auf Ihre Kräfte. Wechseln Sie Positionen nur auf Anweisung der Hebamme oder der Gebärenden. Fragen Sie vorher: „Soll ich dein Bein halten?“ „Willst du den Ball noch?“

Spiegelung des Geburtsfortschritts (Spiegel zwischen Beinen): nur wenn die Gebärende es ausdrücklich wünscht. Viele wollen es nicht sehen, respektieren Sie das. Fotos und Videos nur nach explizitem Wunsch, und nie ohne Einwilligung des Teams in sensiblen Momenten.

Bei PDA oder Erschöpfung: Positionen können eingeschränkt sein. Helfen Sie, bequem zu liegen und trotzdem zu pressen, oft mit angehobenem Oberkörper oder in Seitenlage mit Hebammen-Anleitung.

  • Kissen, Hocker, Seil, Geburtsball, Hilfsmittel reichen und halten
  • Aufrechte Positionen: Sie stabilisieren, nicht tragen
  • Spiegel und Fotos nur nach Wunsch
  • Bei PDA: Druckgefühl fehlt oft, Team führt, Sie unterstützen emotional
  • Selbst weiter essen und trinken, Sie werden noch gebraucht

Praxis-Tipp: Üben Sie vor der Geburt eine Stabilisationsposition: Sie stehen hinter ihr, Hände an ihren Hüften, während sie leicht gebückt über den Ball lehnt, 30 Sekunden reichen zum Kennenlernen.

Pressen begleiten: was sagen, was schweigen

Ermutigung ohne Druck: „Du spürst deinen Körper“ statt „Jetzt musst du!“ „Nur diese eine Wehe“ statt „Beeil dich.“ „Ich bin da“ schlägt lange Reden. In der Austreibung ist oft weniger Sprache besser, außer wenn das Team dirigierter Pressphase wünscht.

Bei dirigierter Pressphase: das Team zählt oft mit, 3-mal einatmen, pressen, loslassen. Sie können mitzählen, wenn die Hebamme es wünscht, oder die Gebärende im Rhythmus halten. Zwischen Pressphasen: Erinnerung ans Ausatmen, Erschöpfung kommt schnell.

Nicht selbstständig zum Pressen auffordern ohne Team. Nicht vergleichen („Bei meiner Schwester ging’s schneller“). Nicht in Panik geraten, wenn der Kopf langsam sichtbar wird, das ist normal und schützt den Damm.

Bei Schwindel, Übelkeit oder plötzlicher Schwäche: sofort Hebamme rufen. Bei stärkerer Blutung: melden, nicht selbst beurteilen.

Mythos: Als Partner:in muss ich laut und energisch anfeuern wie beim Sport.
Fakt: Ruhige, präsente Begleitung ist oft wirksamer. Lautes Anfeuern kann stressen und Adrenalin steigern, entgegen dem Oxytocinfluss.

Geburt des Kopfes und Schultern, ruhig bleiben

Wenn der Kopf sichtbar wird („Rutschen“), kann es für Beobte dramatisch wirken, für das Team ist es oft ein normaler Meilenstein. Bleiben Sie ruhig. Die Schultern folgen meist im nächsten Pressen; manchmal braucht die Hebamme eine Hand mit der Leitung.

Nabelschnur kann um den Hals liegen, das Team löst das. Sie müssen nicht eingreifen. Atmen Sie weiter mit ihr. Nach der Geburt des Kopfes: manche Teams pausieren kurz, das ist physiologisch und schont den Damm.

Sofort nach der Geburt: Baby wird auf den Bauch gelegt (wenn medizinisch unbedenklich), Sie können helfen, den Raum zu schützen, Decke bereit halten, andere aus dem Blickfeld zu halten. Details zur Goldenen Stunde in Lektion 5.

Schutz des Damms

Der DHV betont: Geduld in der Austreibung, kontrolliertes Pressen, warme Kompressen, geburtshilfliche Handgriffe, schützt den Damm. Begleitpersonen unterstützen, indem sie hetzende Sprache vermeiden und der Hebamme folgen.

Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)

PDA, Erschöpfung und Advocacy in der Austreibung

Mit Periduralanästhesie (PDA) fehlt oft das Druckgefühl, Pressen muss gelernt werden, manchmal mit Spiegel-Feedback oder Anleitung des Teams. Ihre Rolle: emotional da sein, Positionen halten, fragen ob sie Schmerz-Reserve braucht oder ob die PDA nachjustiert werden soll.

Bei Erschöpfung: fragen Sie respektvoll, „Brauchen wir Unterstützung beim Pressen? Gibt es alternative Positionen? Vacuum oder Forceps, können Sie das erklären?“ Vertreten Sie vereinbarte Grenzen zum Dammschnitt (Episiotomie): „Im Geburtsplan steht, dass wir bei Episiotomie Rücksprache wünschen, sofern keine Akutsituation vorliegt.“

Advocacy ist hier keine Blockade, wenn das Team medizinische Dringlichkeit erklärt, hören Sie zu und geben der Gebärenden Raum zu entscheiden, soweit möglich. Ihre Aufgabe: Informationen wiederholen, Optionen sortieren, Zeit zum Nachdenken erbitten.

  • PDA: Pressen oft mit Anleitung, Sie stabilisieren und ermutigen
  • Erschöpfung: nach Alternativen fragen, nicht drängen
  • Episiotomie: besprochene Grenzen respektvoll vertreten
  • Operative Hilfe (Vacuum, Forceps): Erklärung einfordern
  • Medizinische Dringlichkeit respektieren, Advocacy ≠ Verweigerung
Mythos: Mit PDA spürt man nichts, Pressen ist dann egal.
Fakt: PDA dämpft Schmerz, oft aber nicht allen Druck. Gezieltes Pressen mit Team-Anleitung bleibt wichtig, manchmal anstrengender ohne klares Druckgefühl.

Typische Fehler der Begleitperson in der Austreibung

Fehler 1: Zu früh zum Pressen auffordern, bereits in der Eröffnung (siehe oben). Fehler 2: Selbst erschöpfen, keine Flüssigkeit, keine Pause, dann bei Nachgeburt ausfallen. Fehler 3: Gegen das Team argumentieren in Akutlagen statt Informationen einzuholen und der Gebärenden zuzusprechen.

Fehler 4: Fotografieren ohne Einwilligung, in intensiven Momenten oft störend. Fehler 5: Besuch hereinlassen, wenn die Gebärende Konzentration braucht. Fehler 6: Eigene Angst zeigen durch Hektik, lieber kurz raus, frische Luft, zurückkommen.

Wenn Sie einen Fehler merken: entschuldigen Sie kurz, korrigieren Sie, machen Sie weiter. Perfektion ist nicht das Ziel, Verlässlichkeit schon.

Nach dem Pressen: Übergang zur Nachgeburt

Das Baby ist da, aber die Geburt ist noch nicht abgeschlossen. Die Plazenta muss sich lösen (Nachgeburt, Phase 3). Wehen können milder sein, sind aber notwendig. Bleiben Sie wach und präsent, nicht sofort telefonieren oder Gäste einladen.

Achten Sie auf die Gebärende: manche weinen vor Erleichterung, manche wirken schockiert, manche wollen sofort das Baby. All das ist normal. Fragen Sie: „Wie geht es dir gerade?“ Hautkontakt fördern, wenn sie es möchte, oder übernehmen Sie, wenn sie es nicht kann (Lektion 5).

Melden Sie Auffälligkeiten ans Team: starke Blutung, Schüttelfrost, plötzliche Schmerzen nach der Entbindung, nicht selbst diagnostizieren, aber melden.

Praxis-Tipp: Packen Sie in Ihrer Tasche ein kleines Notizblatt: „Nach Geburt: Baby auf Bauch, Decke, Ruhe, keine Gäste“, im Euphorie vergisst man leicht den Plan.

Das nehmen Sie mit

  • Pressen gehört in die Austreibung bei 10 cm, nicht in die Eröffnung.
  • Positionen stabilisieren: Kissen, Ball, Beine halten, nicht selbst pressen lassen in Eröffnung.
  • Ermutigung ohne Druck: „Du spürst deinen Körper“, nicht „Jetzt musst du!“
  • Bei dirigierter Pressphase: mit Team mitzählen, zwischen Pressphasen ans Ausatmen erinnern.
  • Kopf sichtbar: ruhig bleiben, Schultern folgen oft im nächsten Pressen.
  • PDA und Erschöpfung: Advocacy, Alternativen fragen, Grenzen respektvoll vertreten.
  • Fotos und Spiegel nur nach ausdrücklichem Wunsch.
  • Nach der Babygeburt: Nachgeburt nicht vergessen, bei der Gebärenden bleiben.

Übungs-Checkliste

  • Unterschied Eröffnung/Austreibung verstanden, kein Pressen in Eröffnung
  • Eine Stabilisationsposition geübt (Ball, Hüften halten)
  • Ermutigungssätze besprochen, was klingt echt, was nicht
  • Episiotomie-Wunsch im Geburtsplan geklärt
  • PDA-Wunsch und Press-Strategie besprochen
  • Kamera/Handy: Fotos nur nach Einwilligung
  • Snacks und Wasser für sich griffbereit in Austreibung
  • Plan für Nachgeburt: Ruhe, Hautkontakt, keine Gäste

Quellen dieser Lektion

  • Deutscher Hebammenverband (DHV): Austreibungsphase und Dammschutz
  • WHO Recommendations on Intrapartum Care (2018)
  • Cochrane Review: Continuous support for women during childbirth
  • AWMF-Leitlinie: Betreuung während Schwangerschaft und Geburt
  • Gesellschaft für Geburtsvorbereitung: Partnerrolle in Phase 2
  • NICE Guideline: Intrapartum care, second stage of labour

Wissenscheck

3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.

Auswahlfrage

1. Wann sollte die Gebärende aktiv pressen?

Richtig oder Falsch?

2. Als Begleitperson sollten Sie in der Eröffnungsphase die Gebärende zum Pressen auffordern, um die Geburt zu beschleunigen.

Richtig oder Falsch?

3. Ermutigung wie „Du spürst deinen Körper“ ist oft wirksamer als lautes Anfeuern wie beim Sport.

Auswahlfrage

4. Was sollten Sie vermeiden, wenn der Kopf sichtbar wird?

Richtig oder Falsch?

5. Spiegelung des Geburtsfortschritts und Fotos sollten nur erfolgen, wenn die Gebärende es ausdrücklich wünscht.

Richtig oder Falsch?

6. Bei PDA fehlt oft das Druckgefühl, Pressen kann dann Team-Anleitung und Ihre emotionale Unterstützung brauchen.

Auswahlfrage

7. Was bedeutet Advocacy bei Episiotomie-Diskussion?

Richtig oder Falsch?

8. Nach der Geburt des Babys ist die Geburt abgeschlossen, die Begleitperson kann sofort Gäste informieren.