Elternbasis
Begleitperson hält Hand der Gebärenden in dimm beleuchtetem Schlafzimmer, ruhige Eröffnungsphase zu Hause

Lektion 2 von 5

Eröffnungsphase begleiten

Zu Hause Ruhe schaffen, Wehen zählen, Atem und Massage

ca. 40 Minuten · inkl. Wissenscheck

Die Eröffnungsphase ist der längste Teil der Geburt: Die Gebärmutter öffnet sich von geschlossen auf zehn Zentimeter. Bei Erstgebärenden dauert sie im Mittel acht bis vierzehn Stunden, oft davon die meiste Zeit zu Hause. Das ist gut so: Zu Hause ist es vertraut, dunkel und ungestört, genau die Bedingungen, unter denen Oxytocin am besten fließt.

Als Begleitperson sind Sie in dieser Phase oft am aktivsten als Logistiker:in und Körper-Begleiter:in. Ihre Aufgabe ist nicht, Wehen zu stoppen oder zu beschleunigen, sondern eine Umgebung zu schaffen, in der die Gebärende zwischen den Wehen ausruhen und in den Wehen Unterstützung finden kann. Zu viel Reden, helles Licht, Besuch oder Hektik können den Verlauf stören.

In dieser Lektion lernen Sie: wie Sie Wehen zuverlässig dokumentieren und entscheiden, wann es in die Klinik geht; wie Sie Atemrhythmen begleiten, ohne selbst in Panik zu geraten; welche Massage- und Berührungstechniken helfen, und wann Sie lieber die Hand halten und schweigen. Sie lernen auch, was Sie in der Eröffnung nicht tun sollten: zum Pressen auffordern, ständig nach dem Fortschritt fragen oder die Gebärende unter Druck setzen.

Die Eröffnung endet bei vollständiger Öffnung (10 cm). Erst dann beginnt die Austreibung, Thema Lektion 3. Bis dahin gilt: Geduld, Ruhe, Präsenz.

Eröffnung zu Hause: warum der Großteil hier verbracht wird

Hebammen und Kliniken empfehlen in der Regel, die frühe Eröffnung zu Hause zu verbringen, solange keine Warnzeichen auftreten und die Gebärende sich wohlfühlt. Zu Hause kann sie essen (leicht), trinken, duschen, schlafen zwischen Wehen, sich bewegen, ohne Monitor, fremde Stimmen und klinische Gerüche.

Ihre Aufgabe als Begleitperson: den Raum schützen. Licht dimmen oder abdunkeln. Handy stumm, Tür zu, Besuch freundlich aber bestimmt verschieben („Wir melden uns, wenn es soweit ist“). Temperatur angenehm halten, warme Socken, leichte Decke. Musik oder Stille nach Wunsch der Gebärenden.

Praktisch vorbereiten: Kliniktasche prüfen, Auto tanken, Kind(er) oder Haustiere organisieren, Snacks und Getränke bereitstellen, für die Gebärende und für Sie. Heißwasserflasche, TENS-Gerät (wenn geübt), Geburtsball aufpumpen. Route zur Klinik und Nachteingang noch einmal checken.

Bleiben Sie ruhig und verfügbar. In intensiven Wehen: Hand halten, atmen mit, wenig sprechen. In Pausen: anbieten, ob sie trinken, zur Toilette oder duschen möchte, nicht drängen.

  • Licht dimmen, Melatonin unterstützt Oxytocin-Wirkung
  • Besuch und Anrufe auf später vertrösten
  • Leichte Snacks und Isotonik bereitstellen
  • Kliniktasche, Auto, Kinderbetreuung geklärt
  • In Wehen: präsent, ruhig, wenig Worte

Praxis-Tipp: Legen Sie zu Hause schon alles bereit, was Sie in der Klinik brauchen, dann ist der Wechsel mitten in der Nacht stressfreier.

Wehen zählen: Dauer, Abstand, Stärke

Schema Wehenzählung: Dauer einer Wehe, Abstand zwischen Wehen und Stärkeeskala für die Eröffnungsphase
Abb. Notieren Sie Beginn, Ende, Abstand und Stärke, eine Stunde lang, bevor Sie die Hebamme oder Klinik kontaktieren (außer bei Warnzeichen).

Wehen dokumentieren hilft Ihnen und dem medizinischen Team einzuschätzen, ob die Geburt voranschreitet und wann der Klinikaufenthalt sinnvoll ist. Sie müssen kein Experte sein, aber zuverlässig notieren.

So zählen Sie: Bei Beginn einer Wehe die Uhr starten (oder notieren). Wenn die Wehe nachlässt, Endzeit notieren. Abstand = Zeit von Beginn einer Wehe bis Beginn der nächsten. Dauer = wie lange die Verhärtung/Schmerz anhält (oft 60–90 Sekunden in der aktiven Phase). Stärke können Sie gemeinsam auf einer Skala 1–10 einschätzen, oder mit Worten: „mild“, „stark“, „sehr stark“.

Zählen Sie mindestens eine Stunde lang, bevor Sie voreilig anrufen, außer bei Warnzeichen (starke Blutung, weniger Kindsbewegungen, grünes Fruchtwasser nach Blasensprung, plötzliche intensive Schmerzen). Apps helfen, Stift und Papier reichen vollkommen.

Typische Klinik-Kriterien (individuell, Mutterpass/Hebamme hat Vorrang): Wehen alle 5 Minuten, etwa 1 Minute Dauer, seit 1 Stunde, oder früher bei Wiedergebärenden, Blasensprung, Risikoschwangerschaft. Die 5-1-1-Regel (USA) entspricht grob der deutschen 3-1-1-Orientierung (alle 3 Min, 1 Min Dauer, 1 Std.). Fragen Sie Ihre Hebamme nach ihrem konkreten Schema.

Mythos: Je früher wir in die Klinik fahren, desto besser.
Fakt: Zu frühe Aufnahme in der latenten Phase kann zu unnötiger Überwachung, Langeweile und Eingriffen führen. Zu Hause bleiben, bis Kriterien erfüllt sind, ist oft sinnvoller.
Mythos: Wenn die Wehen unregelmäßig sind, ist es definitiv keine echte Geburt.
Fakt: Die Eröffnung beginnt oft unregelmäßig. Entscheidend ist der Trend: werden Wehen stärker, länger und näher beieinander?

Frühe Eröffnung zu Hause

Der DHV empfiehlt, die latente Eröffnungsphase in vertrauter Umgebung zu verbringen, solange Mutter und Kind stabil sind. Begleitpersonen unterstützen dies, indem sie Ruhe schaffen, Wehen beobachten und rechtzeitig professionelle Hilfe holen, ohne voreilig in die Klinik zu fahren.

Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)

Atem begleiten: der wichtigste Skill der Eröffnung

In intensiven Wehen kann die Gebärende das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren. Atem ist der Anker, für sie und für Sie. Sie müssen kein Atemcoach sein; Sie müssen nur einen ruhigen Rhythmus vorgeben und mitatmen.

Grundprinzip: Einatmen durch die Nase (lang oder mittel), Ausatmen durch den Mund, länger als das Einatmen. Geräusche sind ok: „Haaaaaa“ oder „Fuuuu“ beim Ausatmen. Manche nutzen gezähltes Atmen: einatmen 4, ausatmen 6–8. Der Rhythmus soll langsam und beruhigend sein, nicht hektisch.

Ihre Rolle: Augenkontakt wenn gewünscht, Hand auf Brust oder Bauch (wenn ok), mitatmen hörbar und sichtbar. Nicht korrigieren („Atme schneller!“), sondern spiegeln und verlangsamen. Zwischen Wehen: normal weiteratmen, nicht „Atemübung“ erzwingen.

Was vermeiden: in Panik geraten und schnell reden, die Gebärende anweisen wie im Fitnessstudio, Atemtechnik wechseln ohne Absprache. Eine Technik, gut geübt, ist besser als fünf halb verstandene.

  • Ausatmen länger als Einatmen, beruhigt das Nervensystem
  • Mitatmen, nicht nur zusehen
  • In Pausen: Atem loslassen, Ruhe zulassen
  • Keine Korrekturen mitten in starker Wehe
  • Vor der Geburt einmal gemeinsam üben, 5 Minuten reichen

Praxis-Tipp: Üben Sie zu Hause einmal: Sie leiten 3 Wehen (je 60 Sek.) an, sie folgt. So wissen beide, wie sich Ihre Stimme und Ihr Rhythmus anfühlen.

Massage und Berührung: was hilft, was nervt

Berührung kann in der Eröffnung tiefe Entlastung bringen, oder stören. Fragen Sie immer: „Darf ich?“ und „Ist das noch ok?“, bei jeder Wehe neu, denn Empfindungen ändern sich.

Sakrale Druckmassage (Counter-Pressure): Druck auf das Kreuzbein mit Handballen oder zwei Fäusten, fest und rhythmisch mit der Wehe, zwischen Wehen loslassen. Viele Gebärende erleben deutliche Schmerzlinderung, manche mögen es gar nicht. Nie ohne Nachfrage.

Leichte Streichmassage: Rücken, Schultern, Nacken, Kopf, langsame, gleichmäßige Bewegungen. Kein intensives Kneten in starker Wehe. Wärme: Heißwasserflasche auf unteren Rücken (nicht auf den Bauch ohne Absprache), warmes Tuch auf Stirn und Nacken.

Hände halten, Hüften stabilisieren beim Gehen oder Stehen in Vorwärtsbeuge, Kissen zwischen Knien in Seitenlage, das ist oft wertvoller als jede Massage. Geburtsball: Sie stabilisieren den Ball, während sie darauf sitzt oder lehnt.

Mythos: Sakrale Druckmassage hilft immer und kann ohne Nachfrage durchgeführt werden.
Fakt: Nicht jede Frau mag sacralen Druck. Immer fragen, Druck anpassen, bei Ablehnung respektvoll andere Unterstützung anbieten, Hand halten, Atem, Kissen.

Sakrale Druckmassage

Der DHV und Cochrane-Reviews bestätigen: Gezielter Druck auf den unteren Rücken (sakral) kann Wehenschmerz lindern. Druck soll fest sein, im Rhythmus der Wehe, und sofort stoppen, wenn die Gebärende es nicht mehr möchte.

Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)

Was Sie in der Eröffnung nicht tun sollten

Nicht zum Pressen auffordern: Pressen gehört in die Austreibungsphase bei vollständiger Öffnung (10 cm). Frühes Pressen gegen einen noch nicht geöffneten Muttermund kann zu Schwellung, Erschöpfung und verlängerter Geburt führen. Wenn die Gebärende spontan pressen will in der Eröffnung, beruhigen Sie: „Atme mit der Wehe, lass los, dein Körper öffnet sich noch.“

Nicht ständig nach Fortschritt fragen: „Wie weit bist du?“ „Wann geht’s endlich weiter?“ erzeugt Druck. Vertrauen Sie dem Prozess. Das medizinische Team misst Eröffnung, wenn nötig, nicht Sie.

Nicht zu viel reden: Ermutigungssprüche, die nicht echt klingen, sind kontraproduktiv. Geschichten von anderen Geburten, Tipps aus Foren, Anrufe von Verwandten, alles weg. Schützen Sie die Konzentration der Gebärenden.

Nicht selbst erschöpfen: Auch in der Eröffnung zu Hause essen und trinken Sie regelmäßig. Sie werden noch stundenlang gebraucht.

  • Kein Pressen in der Eröffnung, weder auffordern noch erlauben ohne Team
  • Kein Fortschritts-Druck, Geduld
  • Kein Besuch, kein lautes Telefon
  • Keine neuen Techniken aus dem Internet mitten in der Wehe
  • Selbst essen und trinken nicht vergessen
Mythos: Wenn sie pressen will, soll sie pressen, das beschleunigt die Geburt.
Fakt: Pressen vor vollständiger Eröffnung kann den Muttermund anschwellen lassen und die Geburt verzögern. In der Eröffnung: atmen, loslassen, Position wechseln.

Eröffnung in der Klinik: Übergang und erste Stunden

Wenn die Kriterien erfüllt sind: ruhig fahren (Sie fahren, wenn möglich, sie konzentriert sich auf Wehen). Bei Aufnahme: Geburtsplan übergeben, sich vorstellen („Ich bin [Name], Begleitperson von [Name]“), fragen wo Snacks/Wasser für Sie und ob Sie bleiben dürfen.

Körperliche Unterstützung wie zu Hause: Kissen, Atem, Massage nach Wunsch, kühle Tücher. Zusätzlich in der Klinik: mit Hebamme kooperieren, nicht dazwischenfunken wenn sie erklärt. Wenn die Hebamme eine Maßnahme vorschlägt und Ihre Partnerin unter Schmerz nickt: fragen Sie nach, „Ist das ein Ja oder brauchst du noch einen Moment?“

Schützen Sie Privatsphäre: Tür zu, wenn möglich; bei vaginalen Untersuchungen fragen, ob Sie im Raum bleiben oder kurz rausgehen soll, nach Wunsch der Gebärenden. Dimmen Sie Licht, wenn die Klinik es erlaubt.

Dokumentieren Sie mental oder kurz notieren: wann Aufnahme, welche Maßnahmen besprochen, wer Hauptansprechpartner:in ist. Das hilft bei Schichtwechsel.

  • Bei Aufnahme: Geburtsplan, Vorstellung, drei Kernpunkte nennen
  • Ein Sprecher, nicht beide durcheinander reden
  • Bei Einwilligung unter Schmerz: nachfragen
  • Privatsphäre schützen: Tür, Licht, Besuch
  • Schichtwechsel: neue Hebamme kurz einweisen

Warnzeichen: wann sofort anrufen

Als Begleitperson müssen Sie Warnzeichen kennen, und sofort handeln, ohne abzuwarten. Weniger Kindsbewegungen als üblich: sofort Hebamme/Klinik. Starke vaginale Blutung (mehr als Schleim mit Streifen): anrufen. Blasensprung mit grünem Fruchtwasser (Mekonium): zeitnah Klinik.

Plötzlicher, stechender Bauchschmerz, der nicht wehenartig pulsiert: anrufen. Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit mit Erbrechen während Wehen: anrufen. Wenn die Gebärende sagt, „etwas stimmt nicht“, ernst nehmen, auch ohne Ihr eigenes Urteil.

Notieren Sie die Nummern: Hebamme, Klinik, Nachtdienst, im Handy und auf Papier. Im Zweifel lieber einmal zu viel anrufen als zu spät.

Vertrauen Sie dem Bauchgefühl

Der DHV rät Begleitpersonen: Wenn die Gebärende oder Sie das Gefühl haben, etwas sei anders als besprochen, holen Sie professionelle Einschätzung. Sie müssen nicht selbst diagnostizieren; Sie müssen rechtzeitig vermitteln.

Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)

Das nehmen Sie mit

  • Eröffnung zu Hause: Ruhe, Dunkelheit, wenig Störung, Oxytocin braucht Sicherheit.
  • Wehen zählen: Dauer, Abstand, Stärke, mindestens eine Stunde, dann Klinik-Kriterien prüfen.
  • Atem begleiten: lang ausatmen, mitatmen, nicht korrigieren, der wichtigste Skill.
  • Massage nur nach Fragen; sakrale Druckmassage kann helfen, muss aber nicht.
  • Nicht zum Pressen auffordern in der Eröffnung, Pressen kommt in Lektion 3.
  • In der Klinik: Geburtsplan, Vorstellung, Privatsphäre schützen, bei Einwilligung nachfragen.
  • Warnzeichen kennen und sofort anrufen, im Zweifel lieber zu früh.
  • Selbst essen und trinken, auch in der Eröffnung.

Übungs-Checkliste

  • Wehen-Zähl-Kriterium der Hebamme/Klinik notiert (z. B. 3-1-1)
  • Wehenzähl-Vorlage bereit (App oder Papier)
  • Atemrhythmus einmal gemeinsam geübt
  • Sakrale Druckmassage besprochen, ja/nein/vielleicht
  • Kliniktasche, Auto, Route geprüft
  • Warnzeichen-Liste am Kühlschrank
  • Besuchsregel kommuniziert: „Wir melden uns“
  • Snacks und Wasser für beide griffbereit

Quellen dieser Lektion

  • Deutscher Hebammenverband (DHV): Begleitung in der Eröffnungsphase
  • Cochrane Review: Counter-pressure for pain relief in labour
  • WHO Recommendations on Intrapartum Care (2018)
  • Gesellschaft für Geburtsvorbereitung: Partnerkurs Eröffnung
  • AWMF-Leitlinie: Betreuung während Schwangerschaft und Geburt
  • NICE Guideline: Intrapartum care for healthy women and babies

Wissenscheck

3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.

Auswahlfrage

1. Was ist in der Eröffnungsphase zu Hause eine zentrale Aufgabe der Begleitperson?

Richtig oder Falsch?

2. In der Eröffnungsphase sollten Sie die Gebärende zum Pressen auffordern, um die Geburt zu beschleunigen.

Richtig oder Falsch?

3. Beim Atem begleiten sollten Sie mitatmen und ein längeres Ausatmen vorgeben, nicht korrigieren oder hetzen.

Richtig oder Falsch?

4. Sakrale Druckmassage sollte immer ohne Nachfrage durchgeführt werden.

Auswahlfrage

5. Was sollten Sie bei Wehen mindestens eine Stunde lang dokumentieren?

Richtig oder Falsch?

6. Zu frühe Klinikaufnahme in der latenten Eröffnung kann zu unnötiger Überwachung und Eingriffen führen.

Auswahlfrage

7. Was tun Sie, wenn die Hebamme eine Maßnahme erklärt und Ihre Partnerin unter Schmerz nickt?

Richtig oder Falsch?

8. Weniger Kindsbewegungen als üblich ist ein Warnzeichen, Sie sollten sofort Hebamme oder Klinik kontaktieren.