
Lektion 4 von 5
Kommunikation und Grenzen
Geburtsplan vertreten, mit dem Team sprechen, Grenzen setzen
ca. 41 Minuten · inkl. Wissenscheck
In der Geburt entscheiden nicht nur Wehen und Körper, sondern auch Gespräche. Wer erklärt was? Wer fragt nach? Wer sagt Nein, wenn es zu viel wird? Als Begleitperson sind Sie oft die Stimme der Gebärenden, wenn sie in der Wehe nicht sprechen kann, und der Übersetzer zwischen medizinischer Fachsprache und dem, was sie wirklich verstehen und wollen muss.
Diese Lektion ist praxisnah: Kommunikationsskripte für Aufnahme, Unklarheiten und Grenzen; wie Sie den Geburtsplan vorstellen, ohne konfrontativ zu wirken; wie Sie mit Schichtwechseln, unterschiedlichen Meinungen im Team und stressigen Momenten umgehen. Advocacy, Fürsprecherschaft, ist kein Kampf gegen Hebammen und Ärzte, sondern Kooperation im Sinne der Gebärenden.
Grenzen setzen gilt auch für Sie: Wann dürfen Sie bei Untersuchungen dabeisein? Wann brauchen Sie selbst eine Pause? Wann ist es ok, das Team um Erklärung in einfacher Sprache zu bitten? Respektvolle Bestimmtheit schlägt passive Hoffnung.
Üben Sie die Skripte laut, einmal zu Hause, einmal gemeinsam mit der Gebärenden. Im Stress funktionieren nur einfache, eingeübte Sätze. Nach dieser Lektion wissen Sie, wie Sie sprechen, wenn Worte zählen.
Geburtsplan verstehen und drei Kernpunkte parat haben

Der Geburtsplan ist kein rechtlich bindender Vertrag, er ist ein Kommunikationsinstrument und Wunschkatalog. Er sagt dem Team: So wünschen wir uns die Geburt, so ticken wir, darauf sollten Sie achten. Als Begleitperson müssen Sie den Plan kennen, nicht auswendig, aber die drei wichtigsten Punkte auf Abruf.
Typische Kernpunkte: Schmerzoptionen (natürlich, PDA, Lachgas, und wann wechseln?), Begleitung (wer, zweite Person?), Sofortmaßnahmen nach Geburt (Hautkontakt, verzögerte Nabelschnur, Vitamin K), Grenzen (Episiotomie, Dammschnitt nur nach Rücksprache), Spezielles (Allergien, Trauma, Sprache). Markieren Sie gemeinsam die Top drei.
Bei Aufnahme übergeben Sie den Plan und fassen mündlich zusammen: „Die drei wichtigsten Punkte für uns sind …“ Das dauert 30 Sekunden und prägt den ersten Eindruck. Wenn kein schriftlicher Plan existiert: Sie sprechen die drei Punkte trotzdem, aus dem Gespräch mit der Gebärenden.
Flexibilität: Wenn sich der Verlauf ändert, ist der Plan Ausgangspunkt für neue Gespräche, nicht Scheitern. „Wir hatten X gewünscht, können wir Y noch erreichen oder was ist die Alternative?“
Geburtsplan als Dialog
Der DHV empfiehlt, den Geburtsplan frühzeitig mit der Hebamme und im Klinik-Vorgespräch zu besprechen. Begleitpersonen unterstützen, indem sie den Plan bei Aufnahme aktiv einbringen und bei Abweichungen nachfragen, nicht als Forderung, sondern als Gesprächsgrundlage.
Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)
Kommunikationsskripte: Aufnahme, Unklarheit, Grenze
Skripte sind keine starren Texte, sie geben Sicherheit. Üben Sie laut, bis sie natürlich klingen.
Bei Aufnahme: „Guten Tag, ich bin [Name], Begleitperson von [Name]. Hier ist unser Geburtsplan. Die drei wichtigsten Punkte sind … Wir freuen uns auf Ihre Begleitung.“ Kurz, höflich, bestimmt.
Bei Unklarheit: „Können Sie das bitte noch einmal erklären? Was passiert, wenn wir warten? Was ist die Alternative?“, „Meine Partnerin braucht einen Moment zum Nachdenken, bevor sie zustimmt.“, „Können Sie das in einfachen Worten wiederholen?“
Bei Grenze: „Im Geburtsplan steht, dass wir bei Episiotomie Rücksprache wünschen, sofern keine Akutsituation vorliegt.“, „Wir möchten Hautkontakt direkt nach der Geburt; Untersuchungen können anschließend am Bauch erfolgen.“, „Bitte klopfen vor dem Hereinkommen, Privatsphäre ist uns wichtig.“
Bei Konflikt: nicht eskalieren. „Können wir kurz mit der Hebamme allein sprechen?“, „Wir möchten eine zweite Meinung einholen, ist das möglich?“ Respekt bleibt Pflicht, auch unter Stress.
- Immer höflich, bestimmt, kurz, ein Sprecher, nicht durcheinander
- Nicht für die Gebärende antworten ohne Rücksprache
- Zeit zum Nachdenken einfordern ist legitim
- Einfache Sprache verlangen, kein Schamgefühl
- Bei Eskalation: Hebamme um Gespräch bitten
Praxis-Tipp: Üben Sie das Aufnahme-Skript einmal im Auto vor der Klinik, laut. Es fühlt sich zuerst komisch an, im Stress hilft es.
Mit dem Team sprechen: Hebamme, Arzt, Schichtwechsel
In Kliniken wechseln Hebammen oft in Schichten. Bei Übergabe: kurz einweisen, „Wir sind seit X Uhr da, Eröffnung Y cm, Geburtsplan hier, wichtigste Wünsche …“ Sie kennen die Geschichte der Nacht besser als das neue Team.
Eine Person spricht mit dem Team, nicht beide durcheinander. Die Gebärende kann jederzeit selbst sprechen; Sie ergänzen, wenn sie es wünscht oder nicht kann. Wenn die Hebamme eine Maßnahme vorschlägt: Blickkontakt mit der Gebärenden, dann ggf. Nachfrage ans Team.
Ärztliche Beteiligung kommt bei Komplikationen oder bestimmten Protokollen. Bleiben Sie ruhig, holen Sie Erklärungen ein, geben Sie der Gebärenden Zeit. Fragen Sie: „Ist das zeitkritisch oder haben wir zwei Minuten zum Besprechen?“
Anästhesie (PDA, Lachgas): Begleitpersonen dürfen oft dabeibleiben, fragen Sie. Unterstützen Sie danach bei Positionierung und emotionaler Stabilisierung.
Partnerschaftliche Kommunikation
Der DHV betont kooperative Beziehung zwischen Gebärenden, Begleitperson und Team. Fürsprecherschaft bedeutet, Fragen zu stellen und Wünsche einzubringen, nicht, Fachpersonal zu ersetzen oder zu untergraben.
Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)
Grenzen setzen: für die Gebärende und für Sie
Grenzen für die Gebärende: weniger vaginale Untersuchungen wenn möglich (nachfragen!), Privatsphäre (Tür, Vorhang), Besuch abweisen, Fotos stoppen, Student:innen nur nach Einwilligung, männliches Personal nur wenn ok. Sie vertreten diese Grenzen, „Sie wünscht gerade keine Untersuchung, können wir in 30 Minuten nochmal schauen?“ (wenn medizinisch vertretbar).
Grenzen für Sie: Dabeisein bei allen Gesprächen? Bei Intimpflege rausgehen? Pause machen? Das dürfen Sie sagen. „Ich brauche kurz frische Luft, könnten Sie zwei Minuten dabeibleiben?“ ist legitim.
Grenzen gegenüber Familie: Sie sind Torwächter, freundlich aber bestimmt. „Wir melden uns, wenn das Baby da ist.“ Nicht jede Großmutter muss im Kreißsaal-Wartezimmer campieren. Sprechen Sie das vor der Geburt ab, wer informiert wird und wann.
Sprache und Kultur: Wenn die Gebärende nicht fließend Deutsch spricht, fordern Sie Dolmetscher, das ist kein Luxus, sondern Recht auf verständliche Aufklärung.
Advocacy unter Stress: wenn es schnell gehen muss
In Akutlagen bleibt wenig Zeit für lange Dialoge. Ihre Rolle: zuhören, wiederholen lassen, der Gebärenden zuflüstern was Sie verstanden haben, „Sie schlagen Kaiserschnitt vor wegen … Verstehst du? Hast du Fragen?“ Wenn sie einwilligungsfähig ist, entscheidet sie. Wenn nicht, entscheidet das Team medizinisch.
Geheime Signale (Lektion 5): Wenn sie Ihnen einen Handdruck gibt = „Sprich du, ich kann nicht“, dann sprechen Sie: „Sie braucht Schmerz-Optionen“ oder „Sie möchte noch eine Minute.“ Signale vorher vereinbaren und üben.
Nach stressigen Momenten: debriefen. „War das ok für dich? Habe ich etwas falsch verstanden?“, im Wochenbett oder wenn Ruhe da ist. Nicht mitten in der nächsten Wehe.
- Akut: kurz wiederholen, Gebärende einbeziehen soweit möglich
- Geheimes Signal = Sie übernehmen Sprache
- Nach dem Moment: Gespräch nachholen
- Medizinische Dringlichkeit respektieren
- Trauma oder Trigger: Team informieren, aus Geburtsplan
Typische Kommunikationsfehler vermeiden
Fehler 1: Für die Gebärende „Ja“ sagen, ohne sie wirklich gefragt zu haben. Fehler 2: Gegen das Team aggressiv werden, das isoliert Sie und stressiert sie. Fehler 3: Zu viel reden, in der Wehe ist Stille oft besser als lange Advocacy-Reden.
Fehler 4: Geburtsplan als Waffe, „Steht im Plan!“ statt „Wir hatten besprochen … können wir Optionen vergleichen?“ Fehler 5: Vergessen, positives Feedback zu geben, „Danke für die ruhige Erklärung“ stärkt die Beziehung.
Wenn Sie unsicher sind: „Ich bin mir nicht sicher, können wir das nochmal klären?“ ist stärker als bluffen.
Übung: Rollenspiel zu dritt
Ideale Vorbereitung: einmal Rollenspiel. Person A = Gebärende, Person B = Sie, Person C = Hebamme (oder die Schwangere spielt Hebamme). Szenario: Aufnahme mit Geburtsplan. Szenario 2: Hebamme schlägt Episiotomie vor, Sie fragen nach Rücksprache.
Wechseln Sie Rollen. Die Gebärende soll sagen, ob sie sich durch Ihre Worte gehört fühlt, oder unter Druck gesetzt. Feintuning jetzt spart Stress später.
Wenn kein Dritter da ist: üben Sie Skripte laut vor dem Spiegel oder am Handy aufnehmen und anhören. Peinlich? Ja. Hilfreich? Sehr.
Praxis-Tipp: Notieren Sie die drei Kernpunkte auf einen Karteikarten-Format-Zettel, laminiert oder in Handy-Notiz. Im Stress lesen ist erlaubt.
Das nehmen Sie mit
- Geburtsplan: drei Kernpunkte parat, schriftlich oder mündlich bei Aufnahme.
- Skripte für Aufnahme, Unklarheit und Grenze, einmal laut üben.
- Ein Sprecher mit dem Team, nicht durcheinander reden.
- Advocacy = Wünsche vertreten und Informationen einholen, nicht kämpfen.
- Grenzen: Privatsphäre, Besuch, Untersuchungen, respektvoll vertreten.
- Bei Schichtwechsel: Geschichte und Wünsche kurz übergeben.
- Geheime Signale nutzen, wenn sie nicht sprechen kann (Lektion 5).
- Nach stressigen Momenten: debriefen, wenn Ruhe da ist.
Übungs-Checkliste
- ☐Geburtsplan gelesen, drei Kernpunkte markiert
- ☐Aufnahme-Skript einmal laut geübt
- ☐Grenzen besprochen: Besuch, Fotos, Untersuchungen, Privatsphäre
- ☐Klarheit: wer spricht mit dem Team
- ☐Geheimes Signal für „sprich du“ vereinbart
- ☐Klinik-Vorgespräch oder Hebammen-Termin für Plan-Fragen
- ☐Notizkarte mit Kernpunkten vorbereitet
- ☐Rollenspiel oder Skript-Übung durchgeführt
Quellen dieser Lektion
- •Deutscher Hebammenverband (DHV): Geburtsplan und Kommunikation
- •WHO: Companion of choice during labour and childbirth (2017)
- •Gesellschaft für Geburtsvorbereitung: Advocacy und Partnerrolle
- •AWMF-Leitlinie: Betreuung während Schwangerschaft und Geburt
- •Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Geburtsplan
- •Cochrane Review: Continuous support for women during childbirth
Wissenscheck
3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.
Auswahlfrage
1. Was ist der Geburtsplan in erster Linie?
Richtig oder Falsch?
2. Bei Klinikaufnahme sollten Sie sich vorstellen, den Geburtsplan übergeben und drei Kernpunkte mündlich nennen.
Richtig oder Falsch?
3. Advocacy bedeutet, jede medizinische Maßnahme abzulehnen, die nicht im Geburtsplan steht.
Auswahlfrage
4. Was sagen Sie, wenn die Gebärende unter Schmerz nickt, aber Sie unsicher sind?
Richtig oder Falsch?
5. Bei Schichtwechsel der Hebamme sollten Sie kurz Geschichte und wichtigste Wünsche übergeben.
Richtig oder Falsch?
6. Sie dürfen bitten, medizinische Erklärungen in einfacher Sprache zu wiederholen.
Auswahlfrage
7. Welche Formulierung ist für eine Grenze am sinnvollsten?
Richtig oder Falsch?
8. Nur ein Sprecher sollte mit dem medizinischen Team kommunizieren, nicht beide Begleitpersonen durcheinander.
