
Lektion 2 von 8
Beckenboden verstehen und trainieren
Anatomie, Beckenbodentraining und die Rolle der Atmung
ca. 45 Minuten · inkl. Wissenscheck
Der Beckenboden ist eine der wichtigsten, und am meisten unterschätzten, Muskelgruppen nach der Geburt. Er trägt Blase, Gebärmutter und Darm, stabilisiert das Becken, wirkt auf Haltung und Sexualfunktion und wurde durch Schwangerschaft und Geburt gedehnt, komprimiert und oft geschädigt. Dieses Wissen ist die Grundlage für alle weiteren Lektionen.
Beckenbodentraining ist keine optional Extra-Übung, es ist zentraler Bestandteil jeder seriösen Rückbildung. Der Deutsche Hebammenverband (DHV) und urogynäkologische Leitlinien empfehlen gezieltes Training zur Prävention und Behandlung von Stressinkontinenz. Gleichzeitig gilt: falsch trainiert kann der Beckenboden verspannt statt kräftig werden.
In dieser Lektion lernen Sie die Anatomie, die Verbindung zur Atmung, typische Fehler und den Aufbau eines sinnvollen Trainingsplans. Übungen mit Kraftanstrengung führen Sie erst aus, wenn Lektion 1 (Freigabe) und Ihre Fachperson es erlauben.
Lesen Sie diese Lektion auch vor der formalen Freigabe, das Verständnis hilft bei Wahrnehmung und sanfter Aktivierung ohne Überlastung.
Anatomie des Beckenbodens: Schichten, Funktionen, Zusammenspiel

Der Beckenboden (Pelvic Floor, Lat. diaphragma pelvis) bildet den unteren Abschluss des Bauchraums. Er besteht aus mehreren Schichten: die Levator-ani-Gruppe (M. puborectalis, pubococcygeus, iliococcygeus) als Hauptträger, umschlossen von Faszien und verknüpft mit umliegenden Muskeln, Hüftadduktoren, Gesäß, tiefen Bauchmuskeln.
Funktionen: Stützung der Organe gegen Gravitation und Druck (Husten, Niesen, Heben), Verschluss von Harnröhre, Scheide und After (Kontinenz), Mitwirkung bei Geburt (Dehnbarkeit) und Sexualfunktion. Nach der Geburt ist die Muskulatur oft erschlafft, aber auch verspannt, beides kann gleichzeitig auftreten in unterschiedlichen Bereichen.
Der Beckenboden arbeitet nicht isoliert: Er ist Teil des „Körperkerns“ zusammen mit Zwerchfell, Transversus abdominis und Multifidi. Rückbildung, die nur „einkneifen“ lehrt, ohne Atmung und Haltung einzubeziehen, bleibt unvollständig.
- Levator ani: Hauptträger, hebt Beckenorgane, verschließt Öffnungen
- Faszien und Ligamente: unterstützen, können durch Geburt gedehnt werden
- Zusammenspiel: Zwerchfell, tiefe Bauchmuskulatur, Rückenmuskulatur
- Hypertonie (Verspannung) und Hypotonie (Schwäche) erfordern unterschiedliche Ansätze
- Bei Prolaps-Verdacht: ärztliche Abklärung vor intensivem Training
Individuelle Ausgangslage
AWMF-orientierte Empfehlungen zur Stressinkontinenz betonen: Beckenbodentraining ist first-line-Therapie, aber Dauer und Intensität müssen individuell angepasst werden. Instrumentelle Diagnostik (Perineometrie, Ultraschall) bleibt Fachärztinnen vorbehalten; im Alltag zählt funktionelle Wahrnehmung und symptomorientiertes Training.
Quelle: AWMF-Leitlinienprogramm / DHV
Was Schwangerschaft und Geburt verändern
Schwangerschaft: Hormon Relaxin lockert Bänder; wachsende Gebärmutter drückt nach unten; Gewichtsverlagerung verändert Haltung. Der Beckenboden wird über Monate belastet, nicht nur in der Geburt selbst.
Vaginale Geburt: Dehnung bis zum physiologischen Maximum, ggf. Dammriss oder Episiotomie, Nervenkompression. Auch unkomplizierte Geburten können zu vorübergehender Schwäche führen.
Kaiserschnitt: Der Beckenboden wurde dennoch durch Schwangerschaft belastet; zusätzlich wirken Narbe, Schonhaltung und veränderte Aktivierung. „Kaiserschnitt-Mütter brauchen kein Beckenbodentraining“ ist ein Mythos.
Typische Symptome: Stressinkontinenz (Tropfen bei Niesen, Hüpfen, Lachen), Druckgefühl in der Scheide, verminderte Wahrnehmung, manchmal Schmerzen oder Verspannung beim Verkehr. Viele Symptome bessern sich spontan in den ersten Wochen, persistierende Beschwerden brauchen gezielte Hilfe (Lektion 7).
Beckenbodentraining: Aufbau, Dosierung, Qualität
Ein evidenzbasierter Trainingsplan umfasst: Wahrnehmung (Kontakt zum Muskel), Kraft (maximale Anspannung), Ausdauer (längeres Halten), Schnellkraft (schnelles An- und Entspannen) und koordinatives Training (Einbindung in Bewegung und Alltag).
Typischer Einstieg nach Freigabe: 3 Sekunden anspannen, 3 Sekunden entspannen, 10 Wiederholungen, 1–2 Mal täglich. Steigerung über Wochen: längeres Halten (bis 10 Sekunden), mehr Wiederholungen, Einbindung in Alltagssituationen (vor dem Heben, beim Treppensteigen).
Qualitätskriterien: Anspannung spürbar, aber ohne Pressen in Bauch oder Gesäß; Atem fließt weiter; Entspannung danach vollständig. Nur die Öffnungen „hochziehen“, nicht die Gesäßmuskeln oder Oberschenkel als Ersatz nutzen.
Trainingsdauer: Mindestens 8–12 Wochen regelmäßig für messbare Effekte; viele profitieren von dauerhafter Einbindung als „Körperhygiene“. Apps und Erinnerungen helfen, aber ersetzen keine fachliche Kontrolle bei Beschwerden.
- Phase 1: Wahrnehmung, Muskel finden (Lektion 4)
- Phase 2: Kraft und Halten, 3–10 Sekunden, langsam steigern
- Phase 3: Schnellkraft, schnelles Anspannen bei simuliertem Niesen
- Phase 4: Funktionell, beim Heben, Gehen, leichten Belastungen mithalten
- Stoppsignal: Schmerzen, zunehmende Verspannung, verschlechterte Symptome
Praxis-Tipp: Verknüpfen Sie Training mit bestehenden Routinen: nach dem Stillen, nach dem Zähneputzen, beim Einlegen des Babys, so wird es zur Gewohnheit.
Atmung und Beckenboden: das Zwerchfell-Beckenboden-System
Bei Einatmung senkt sich das Zwerchfell, der Bauchraum weitet sich, der Beckenboden sollte nachgeben (leichte Weitung). Bei Ausatmung hebt sich das Zwerchfell, der Bauch zieht sich ein, der Beckenboden folgt nach oben. Diese koordinierte Bewegung nennt man „gehüllte Atmung“ oder 360-Grad-Atmung.
Fehler „Baucheinziehen und Halten“: Viele halten den Beckenboden dauerhaft angespannt und stoppen gleichzeitig die Atmung, das erhöht Druck nach unten und kann Beschwerden verstärken. Richtig: Anspannung auf Ausatmung oder bei Belastung, Entspannung auf Einatmung.
Übung (sanft, auch vor Freigabe möglich): In Rückenlage oder bequemer Sitzposition, einatmen, Bauch und Becken weiten lassen; ausatmen, sanft tiefen Bauch und Beckenboden mitdenken (nicht maximal kneifen). 5–10 Atemzüge, mehrmals täglich.
Bei Rektusdiastase ist die Atem-Beckenboden-Koordination zentral, Lektion 3 vertieft die Körpermitte; hier gilt: nie Valsalva (Pressatmung) in der frühen Phase.
Atem als Steuerung
Der BdR und physiotherapeutische Fachliteratur betonen: Rückentraining und Beckenbodentraining ohne Atemkoordination führt zu Fehlmustern, gesteigerter intraabdominaler Druck, Hals- und Nackenspannung. Atem zuerst, Kraft danach.
Quelle: Bund Deutscher Rückenschulen (BdR)
Typische Fehler und wie Sie sie vermeiden
Fehler 1, Gesäß statt Beckenboden: Gesäßmuskeln anspannen fühlt sich „stark“ an, trainiert aber nicht gezielt den Levator. Tipp: Hände an Gesäß, soll während der Übung weich bleiben.
Fehler 2, Pressen und Luft anhalten: Erhöht Druck auf Darm und Beckenorgane, verschlechtert Diastase. Immer weiteratmen.
Fehler 3, Zu schnell zu viel: 50 Wiederholungen am ersten Tag überfordern und demotivieren. Lieber weniger, dafür täglich.
Fehler 4, Training bei Schmerzen ignorieren: Beckenbodentraining sollte nie schmerzhaft sein. Schmerzen → Pause, Fachperson.
Fehler 5, Nur liegend trainieren: Der Beckenboden muss im Stehen, Gehen und Heben mitarbeiten, funktionelle Progression ab Lektion 5.
- Qualität vor Quantität, lieber 8 korrekte Wiederholungen als 30 falsche
- Nicht während der Miktion trainieren (Gewohnheitsbildung Störung des Miktion)
- Bei fehlender Wahrnehmung: Physiotherapie, Biofeedback, ggf. vaginale Palpation durch Fachperson
- Hypertonie-Verdacht: Entspannungsübungen, nicht mehr Kraft
- Fortschritt dokumentieren, Rückschritte sind normal bei Stress, Schlafmangel, Erkältung
Integration in den Rückbildungsplan
Beckenbodentraining ist die rote Linie durch alle Lektionen: vor jeder Übung aus Lektion 4–5 aktivieren, bei Belastung mitdenken, abends kurze Entspannungssequenz.
Kombination mit Rücken und Körpermitte (Lektion 3–5): Beckenboden + Transversus + Atmung = stabiler Kern. Planks und Crunches erst spät und nur bei geschlossener Diastase und Freigabe.
Stillen und Hormone: Östrogenabfall kann Gewebe trockener machen, ausreichend trinken, ggf. vaginale Pflege besprechen. Training bleibt sinnvoll.
Nach dieser Lektion sollten Sie Anatomie, Trainingsprinzipien und Atem-Beckenboden-Zusammenspiel verstehen. Lektion 3 widmet sich Rektusdiastase, Körpermitte und Haltung.
Supervised vs. unsupervised Training
Der DHV empfiehlt für die ersten Wochen der aktiven Rückbildung die Begleitung durch Hebamme oder Rückbildungskursleiterin, Korrektur der Ausführung ist entscheidend. Online-Wissen plus Präsenz-Feedback ist die optimale Kombination.
Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)
Praktischer Einstieg: Ihre nächsten Schritte
Heute: 5 Minuten gehüllte Atmung in bequemer Lage, ohne Kraftanspannung, nur Wahrnehmung.
Falls freigegeben: 8–10 Beckenboden-Wiederholungen (3 Sekunden an, 3 Sekunden aus) einmal täglich, Qualität prüfen (Gesäß locker, Atem fließt).
Notieren Sie: Spüre ich links/rechts Unterschied? Tropfe ich bei Niesen/Husten? Fragen für Physiotherapeutin oder Rückbildungskurs.
Bei anhaltender Inkontinenz ab Woche 6+: Termin für Beckenboden-Physiotherapie vereinbaren, Wartezeiten einplanen.
Praxis-Tipp: Stellen Sie eine Erinnerung auf dem Handy für morgens und abends, zwei Mini-Einheiten schlagen eine vergessene große.
Das nehmen Sie mit
- Der Beckenboden stützt Organe, sichert Kontinenz und arbeitet mit Zwerchfell und tiefer Bauchmuskulatur zusammen.
- Schwangerschaft und Geburt belasten den Beckenboden, auch nach Kaiserschnitt ist Training sinnvoll.
- Evidenzbasiertes Training umfasst Wahrnehmung, Kraft, Ausdauer, Schnellkraft und funktionelle Einbindung.
- Atmung steuert den Beckenboden, Pressen und Daueranspannung sind Fehlmuster.
- Stressinkontinenz ist häufig, aber behandelbar, bei Persistenz Fachhilfe suchen.
- Qualität und Regelmäßigkeit über 8–12 Wochen sind wichtiger als extreme Wiederholungszahlen.
- Schmerzen beim Training sind ein Stoppsignal.
- Präsenz-Feedback durch Rückbildungskurs oder Physiotherapie optimiert die Ausführung.
Übungs-Checkliste
- ☐5 Minuten gehüllte Atmung täglich geübt (Wahrnehmung)
- ☐Bei Freigabe: 8–10 Beckenboden-Wiederholungen 1× täglich gestartet
- ☐Gesäß- und Oberschenkel-„Mitschwingen“ kontrolliert, vermieden
- ☐Fragen zu Inkontinenz oder Druckgefühl notiert
- ☐Bei Bedarf: Termin Physiotherapie (Beckenboden) recherchiert
- ☐Trainingszeiten mit Alltagsroutine verknüpft (Stillen, Zähneputzen)
- ☐Lektion 3 (Diastase und Körpermitte) als nächstes vorgemerkt
- ☐Bei Schmerzen: Training pausiert und Fachperson kontaktiert
Quellen dieser Lektion
- •AWMF-Leitlinie: Stressinkontinenz der Frau
- •Deutscher Hebammenverband (DHV): Beckenbodentraining in der Rückbildung
- •Bund Deutscher Rückenschulen (BdR): Rumpfstabilität und Atmung
- •International Continence Society (ICS): Conservative management of urinary incontinence
- •Cochrane Review: Pelvic floor muscle training for urinary incontinence
- •Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU): Leitlinien Harninkontinenz
Wissenscheck
3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.
Auswahlfrage
1. Welche Muskelgruppe bildet den Hauptträger des Beckenbodens?
Richtig oder Falsch?
2. Nach Kaiserschnitt ist Beckenbodentraining grundsätzlich unnötig, weil der Beckenboden nicht gedehnt wurde.
Richtig oder Falsch?
3. Bei Ausatmung soll der Beckenboden typischerweise mit nach oben folgen, in Koordination mit dem Zwerchfell.
Richtig oder Falsch?
4. Dauerhaft maximal angespannter Beckenboden ohne Entspannung ist das Trainingsziel.
Auswahlfrage
5. Was ist First-line-Therapie bei Stressinkontinenz nach der Geburt?
Richtig oder Falsch?
6. Beckenbodenübungen sollten schmerzfrei ausführbar sein.
Auswahlfrage
7. Welcher Fehler tritt häufig beim Beckenbodentraining auf?
Richtig oder Falsch?
8. Der Beckenboden arbeitet isoliert und unabhängig von Bauchmuskulatur und Zwerchfell.
