
Lektion 7 von 8
Probleme erkennen und handeln
Inkontinenz, Schmerzen und wann Sie zum Arzt sollten
ca. 43 Minuten · inkl. Wissenscheck
Nicht jede Rückbildung verläuft linear. Inkontinenz, Rückenschmerzen, Druckgefühl in der Scheide, depressive Verstimmung oder anhaltende Erschöpfung sind häufig, und oft behandelbar, wenn sie früh angesprochen werden. Diese Lektion hilft Ihnen, Warnsignale einzuordnen, Erste Schritte zu gehen und zu wissen, wann Selbsthilfe reicht und wann Fachpersonen nötig sind.
Der DHV, das AWMF-Leitlinienprogramm und urogynäkologische Fachgesellschaften betonen: postpartale Beschwerden werden oft unterschätzt und zu spät behandelt, aus Scham, Zeitmangel oder dem Mythos „Das gehört halt dazu“. Das muss nicht sein.
Dieser Kurs ersetzt keine Diagnose. Bei akuten Symptomen (Fieber, starke Blutung, Beinschwäche, Suizidgedanken) gilt: sofort Hilfe, Notruf, Klinik, Krisendienst.
Nach dieser Lektion wissen Sie, welche Beschwerden häufig sind, welche Sofortmaßnahmen helfen und welcher Arzt oder welche Therapeutin zuständig ist.
Stressinkontinenz und Dranginkontinenz

Stressinkontinenz: unwillkürlicher Urinverlust bei erhöhtem Druck, Niesen, Husten, Lachen, Heben, Springen. Nach der Geburt sehr häufig, oft bessernd in 3–6 Monaten mit Beckenbodentraining, bei Persistenz Physiotherapie.
Dranginkontinenz: plötzlicher starker Harndrang, manchmal mit Verlust bevor Toilette erreicht, andere Mechanismen (Blase, Nerven); ebenfalls behandelbar, Diagnostik wichtig.
Mixed form: beides kombiniert, häufig.
Sofortmaßnahmen: Beckenbodentraining intensivieren (unter Anleitung), „The Knack“ vor Belastung, Flüssigkeit nicht extrem reduzieren (Reizung), Koffein moderieren, Gewicht nur gesund ansprechen, nicht als einzige „Lösung“.
Fachhilfe: Beckenboden-Physiotherapeutin, Urologin, Urogynäkologin, ggf. Kontinenz-Zentrum. Hebamme im Wochenbett als erste Anlaufstelle.
First-line Beckenbodentraining
AWMF-Leitlinien zur Stressinkontinenz der Frau empfehlen überwachtes Beckenbodentraining als Ersttherapie, wirksam, nebenwirkungsarm. Bei fehlender Besserung nach 3–6 Monaten strukturiertem Training: weiterführende Diagnostik und Therapieoptionen (Medikamente, OP in ausgewählten Fällen).
Quelle: AWMF-Leitlinienprogramm
Druckgefühl, Prolaps-Verdacht und Beckenschmerzen
Druckgefühl oder „Kugel“ in der Scheide: kann auf Senkung von Blase, Gebärmutter oder Darm hinweisen (Pelvic Organ Prolapse). Nicht ignorieren, Gynäkologin, Urogynäkologin, Physiotherapie.
Schweregrad variiert, leichte Senkung kann mit Beckenbodentraining, Lebensstil (Heben vermeiden, Gewicht), ggf. Pessar behandelt werden; schwere Fälle chirurgisch.
Beckenschmerzen: muskulär (Verspannung, Hypertonie), Gelenk (Symphysenlockerung, SI-Gelenk), Nerven, unterschiedliche Ursachen, unterschiedliche Therapie.
Symphysenlockerung (Pubic Symphysis Dysfunction): Schmerzen über Schambein, beim Gehen, Beine spreizen, Physiotherapie, manchmal Beckengurt, selten OP.
Dyspareunie (Schmerzen beim Verkehr): häufig postpartum, hormonell (Stillen), Narben, Verspannung; nicht „durchmachen“, Gynäkologin, Physiotherapie, Sexualberatung.
- Druckgefühl → Gynäkologische Abklärung
- Schambeinschmerzen → Physiotherapie, Belastung anpassen
- Verkehrsschmerz → ärztlich, nicht ignorieren
- Hypertonie: Entspannung statt mehr Kraft
- Schwere Prolaps-Symptome: zeitnahe Fachärztin
Rückenschmerzen und Nackenverspannungen
Akut (< 6 Wochen): oft muskulär durch Haltung, Heben, Stillen, Ergonomie (Lektion 3), Wärme, sanfte Bewegung, kurze Pausen.
Chronisch oder zunehmend: Physiotherapie, ggf. Bildgebung bei neurologischen Ausfällen (Taubheit, Schwäche im Bein, Blasenstörung, sofort neurologisch abklären, selten Cauda-equina).
Still-Nacken: Ergonomie, Dehnung, Wechsel der Seite, Physiotherapie bei Persistenz.
BdR-Prinzip: Bewegung statt Bettruhe bei unspezifischem Rückenschmerz, aber nicht „durch Schmerz trainieren“.
Red flags Rücken
Der BdR und neurologische Leitlinien: sofortige Abklärung bei Blasen-/Darmentleerungsstörung, Sattelanästhesie, progressive Beinschwäche, Fieber mit Rückenschmerz, Trauma. Diese gelten auch postpartum, nicht als „Wochenbett“ abtun.
Quelle: Bund Deutscher Rückenschulen (BdR)
Rektusdiastase: wann konservativ, wann operativ
Persistierende Diastase mit Doming, Rückenschmerz, Kontinenzproblemen oder kosmetischer Belastung nach 6–12 Monaten konservativem Training: Physiotherapie vertiefen, gynäkologisch/chirurgisch beraten lassen.
Operation (Diastasenrepair): bei funktioneller Beeinträchtigung nach ausgeschöpfter Therapie, individuelle Entscheidung, Reha-Zeit einplanen, ggf. spätere Schwangerschaft besprechen.
Nabelbruch (Hernie): ärztliche Abklärung, nicht mit Crunches „wegtrainieren“.
- 6–12 Monate Training vor OP-Diskussion
- Doming bei Alltag → Physiotherapie
- Nabelbruch → Gynäkologin/Chirurgin
- OP: Reha und Schwangerschaftsplanung besprechen
Psychische Belastung, Erschöpfung und Schlaf
Baby Blues ( erste 2 Wochen): Stimmungsschwankungen, Weinen, häufig, vorübergehend. Wenn anhaltend, schwerer oder mit Suizidgedanken: postpartale Depression, Hilfe sofort (Hebamme, Hausarzt, psychiatrischer Notdienst, Telefonseelsorge 0800 111 0 111).
Erschöpfung: Schlafmangel verzögert körperliche Regeneration, realistische Erwartungen, Hilfe im Haushalt, Übungen kürzen statt aufgeben.
Körperbild: Druck durch Social Media, Rückbildung ist Gesundheit, nicht Pflicht zur Optik. Bei Essstörungs-Vorgeschichte: vorsichtig mit Gewichts- und Fitness-Fokus.
DHV und perinatale Mental-Health-Leitlinien: psychische Gesundheit ist Teil der postpartalen Versorgung, ansprechen ist Stärke.
Postpartale Depression
AWMF und DGPPN betonen: postpartale Depression ist häufig und behandelbar, nicht Schuld der Mutter. Früherkennung durch Hebamme (Wochenbett), Hausarzt, Selbsttests (EPDS). Akute Gefährdung: Notfallversorgung.
Quelle: AWMF-Leitlinienprogramm / DHV
Akute Warnsignale: sofort zum Arzt oder Notruf
Starke Blutung (schnell durchbindende Binden, große Klumpen), auch Wochen nach Geburt.
Fieber > 38 °C, Schüttelfrost, übelrieche Wundsekretion (Kaiserschnitt, Damm).
Starke einseitige Beinschwellung, Brustschmerz, Atemnot, Thrombose/Lungenembolie-Verdacht (Notruf 112).
Starke Bauchschmerzen, Erbrechen, keine Stuhl-/Windabgabe nach OP.
Blasen- oder Darmlähmung, Taubheit im Intimbereich mit Ausscheidungsstörung.
Suizidgedanken, akute Selbst- oder Fremdgefährdung, Notfall psychiatrisch / 112.
- 112 bei akuter Lebensgefahr
- Klinik/Hebamme bei Fieber und Wundheilung
- Gynäkologin bei starken Blutungen
- Bei Unsicherheit: lieber anrufen
- Mutterschutz-Hotlines und Hebamme nutzen
Anlaufstellen: wer hilft wobei
Hebamme: Wochenbett, Stillen, erste Rückbildungsberatung, Inkontinenz-Anamnese, § 24h SGB V.
Gynäkologin/Gynäkologe: Vorsorge, Freigabe, Prolaps, Diastase, Hormone, Verkehrsschmerz.
Physiotherapeutin: Beckenboden, Diastase, Rücken, Symphysen, Rezept möglich.
Urologin/Urogynäkologin: komplexe Inkontinenz, Prolaps.
Hausarzt/Hausärztin: Rückenschmerz, Depression, Überweisungen.
Stillberaterin, Laktationsberaterin: bei Brustproblemen indirekt relevant für Erholung.
Selbsthilfe: Kontinenz-Gesellschaft, Mutter-Gruppen, Enttabuisierung.
Nächste Lektion: Langzeitplan und Abschluss-Checkliste, Rückbildung als Daueraufgabe.
Versorgungswege nutzen
Der DHV empfiehlt: Beschwerden im Wochenbett nicht „auf später“ verschieben, Hebammenbesuche sind dafür da. Physiotherapie-Rezept früh einholen spart Wartezeit.
Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)
Praxis-Tipp: Speichern Sie alle Notfall- und Fachnummern in einer Kontaktliste „Postpartum“, ein Tap im Stress.
Das nehmen Sie mit
- Stressinkontinenz ist häufig und oft mit Beckenbodentraining verbesserbar, bei Persistenz Fachhilfe.
- Druckgefühl in der Scheide kann Prolaps bedeuten, gynäkologisch abklären.
- Rückenschmerzen: Ergonomie und Physiotherapie, Red Flags sofort ärztlich.
- Persistierende Diastase nach Monaten Training: Fachberatung, OP nur individuell.
- Postpartale Depression ist behandelbar, Hilfe suchen ist keine Schwäche.
- Akute Warnsignale (Fieber, starke Blutung, Atemnot, Suizidgedanken): Notfall.
- Hebamme, Gynäkologin, Physiotherapeutin haben unterschiedliche Rollen, alle nutzen.
- Scham verzögert Heilung, früh sprechen verbessert Prognose.
Übungs-Checkliste
- ☐Aktuelle Beschwerden ehrlich notiert (Inkontinenz, Schmerz, Druck, Stimmung)
- ☐Bei leichten Symptomen: Beckenboden/Ergonomie 2 Wochen intensiviert
- ☐Bei Persistenz: Termin Physiotherapie oder Gynäkologin vereinbart
- ☐Notfallnummern (112, Hebamme, Klinik) gespeichert
- ☐Red Flags bekannt, bei Auftreten sofort handeln
- ☐Partner/Freundin über Warnsignale informiert
- ☐Bei psychischer Belastung: Gespräch mit Hebamme/Hausarzt geplant
- ☐Lektion 8 (Abschluss) als nächstes vorgemerkt
Quellen dieser Lektion
- •AWMF-Leitlinie: Stressinkontinenz der Frau
- •AWMF-Leitlinienprogramm: Postpartale Depression / perinatale Psychische Gesundheit
- •Deutscher Hebammenverband (DHV): Wochenbett und Beschwerdemanagement
- •Bund Deutscher Rückenschulen (BdR): Red Flags bei Rückenschmerz
- •Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU): Harninkontinenz
- •International Urogynecological Association (IUGA): Pelvic organ prolapse
Wissenscheck
3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.
Auswahlfrage
1. Was ist First-line-Therapie bei postpartaler Stressinkontinenz?
Richtig oder Falsch?
2. Druckgefühl oder „Kugel“ in der Scheide sollte gynäkologisch abgeklärt werden.
Richtig oder Falsch?
3. Weniger trinken ist eine empfohlene Haupttherapie bei Inkontinenz.
Richtig oder Falsch?
4. Blasen- oder Damentleerungsstörung mit Beinschwäche erfordert sofortige ärztliche Abklärung.
Auswahlfrage
5. Wen sollten Sie bei anhaltender postpartaler Inkontinenz nach Training konsultieren?
Richtig oder Falsch?
6. Postpartale Depression ist selten und sollte nicht angesprochen werden.
Richtig oder Falsch?
7. Fieber und übelriechende Kaiserschnittnarbe sind Warnsignale für sofortige ärztliche Hilfe.
Auswahlfrage
8. Was ist bei unspezifischem postpartalem Rückenschmerz oft sinnvoll?
