
Lektion 4 von 8
Erste Übungen: Woche 0 bis 6
Sanfter Einstieg, gehüllte Atmung und Beckenkippe
ca. 40 Minuten · inkl. Wissenscheck
In dieser Lektion geht es von Theorie zu Praxis: konkrete, sanfte Übungen für die frühe Phase nach der Geburt, Woche 0 bis 6, teils auch schon vor der formalen Freigabe, sofern medizinisch unbedenklich. Schwerpunkt sind gehüllte Atmung, Beckenbodenwahrnehmung und die Beckenkippe als Basis für alle weiteren Progressionen.
Wichtig: Führen Sie Kraftübungen und Beckenkippe erst aus, wenn Ihre Hebamme, Gynäkologin oder Ihr Gynäkologe es erlaubt, in der Regel ab Woche 6–8, bei Kaiserschnitt oft später. Atem- und Wahrnehmungsübungen sind in vielen Fällen früher möglich; im Zweifel nachfragen.
Alle Übungen schmerzfrei, ohne Pressen, ohne Doming (Lektion 3). Qualität vor Dauer: lieber 5 Minuten korrekt als 20 Minuten mit Fehlmustern. Baby auf der Matte mit dabei ist erlaubt, Unterbrechungen sind normal.
Nach dieser Lektion haben Sie ein tägliches Mini-Programm, das Sie bis zur Progression in Lektion 5 weiterführen können.
Grundregeln für Übungen in Woche 0–6
Regel 1: Kein Schmerz. Regel 2: Keine Valsalva-Pressatmung (Luft anhalten und pressen). Regel 3: Kein Doming entlang der Linea alba. Regel 4: Blutung (Lochien) beobachten, bei Zunahme nach Übung pausieren und ärztlich fragen.
Timing: Kurze Einheiten (5–10 Min.) 1–2 Mal täglich schlagen eine wöchentliche Marathon-Einheit. Morgens nach dem Aufstehen oder abends, wenn das Baby schläft, was für Sie realistisch ist.
Kaiserschnitt: Narbe beobachten, keine Übungen, die Narbe ziehen oder Druck nach vorne erzeugen, bis freigegeben. Rückenlage mit Knien gebeugt ist meist gut verträglich.
Stillende: Vor dem Stillen oder danach üben, volle Brüste können Bauchlage unbequem machen; Rückenlage ist meist angenehm.
- Stop bei: Schmerz, Schwindel, verstärkter Blutung, Fieber
- Bei Kaiserschnitt: Narbenheilung vor Bauch-Kraftübungen
- Doming → Übung vereinfachen oder abbrechen
- Realistische Erwartung: 5–10 Min. pro Einheit reichen
- Hebamme/Rückbildungskurs für Ausführungskontrolle nutzen
Frühe Aktivierung vs. Belastung
Der DHV unterscheidet zwischen früher Mobilisation (Gehen, Atem, leichte Wahrnehmung) und strukturierter Rückbildung mit Kraftaufbau. Ersteres fördert Durchblutung und Wohlbefinden; Letzteres startet nach individueller Freigabe, nicht nach Social-Media-Kalender.
Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV)
Gehüllte Atmung (360-Grad-Atmung)
Ausgangslage: Rückenlage, Knie gebeugt, Füße hüftbreit; oder bequemer Sitz mit aufrechter Wirbelsäule. Hände optional auf untere Rippen und unteren Bauch.
Ausführung: Durch die Nase einatmen, Bauch und untere Rippen weiten sich, Beckenboden gibt leicht nach (Entspannung). Durch den Mund oder die Nase ausatmen, Bauch zieht sich sanft ein, Beckenboden leicht mit angehoben (nicht maximal kneifen). 6–10 Atemzüge, langsam.
Fokus: Seitliche und hintere Atmung mit einbeziehen, nicht nur Bauch vorne. Schultern bleiben schwer, Nacken entspannt.
Häufigkeit: 2–3 Mal täglich, auch einzeln als „Reset“ bei Stress oder vor dem Heben des Babys.
Variation: Seitlage mit Kissen zwischen den Knien, gut bei Kaiserschnitt oder Rückenschmerzen.
Praxis-Tipp: Stellen Sie einen Timer auf 2 Minuten, oft reicht das für eine kurze Atem-Pause zwischen Baby-Routinen.
Beckenbodenwahrnehmung: den Muskel finden
Ausgangslage: Rückenlage, Knie gebeugt, entspannt.
Technik 1, Aufzug: Stellen Sie sich vor, Beckenboden hebt sich als „Aufzug“ von unten nach oben (Scheiden/Harnröhre/After sanft nach innen oben). 3 Sekunden halten, 3 Sekunden loslassen. 8–10 Wiederholungen.
Technik 2, Schnellkraft (ab Woche 4–6, wenn Wahrnehmung da): Schnelles An- und Entspannen 5–8 Mal, simuliert Reflex bei Niesen.
Kontrolle: Gesäß und Oberschenkel bleiben weich; Atem läuft; nach der Serie vollständige Entspannung spüren.
Keine Übung während der Miktion zur Gewohnheitsbildung, einmalige Wahrnehmung ist ok, regelmäßiges Unterbrechen des Harnstrahls nicht empfohlen.
- Start: 3 Sek. an / 3 Sek. aus, 8–10 Wdh., 1–2× täglich
- Steigerung über Wochen: längeres Halten (bis 10 Sek.)
- Schnellkraft: erst wenn Grundwahrnehmung sitzt
- Bei Null-Wahrnehmung: Physiotherapie, nicht aufgeben
- Mit Atem koppeln: anspannen auf Ausatmung
Beckenkippe (Beckenspiel): Mobilisation und Koordination

Ausgangslage: Rückenlage, Knie gebeugt, Füße flach, Arme neben dem Körper.
Ausführung: Auf Ausatmung Beckenboden leicht aktivieren, unteren Rücken sanft zum Boden rollen (Becken hinten kippen, „Unterrücken andrücken“). Auf Einatmung Becken wieder in Neutralstellung oder leichtes Vorwölbung (Becken vorne kippen), ohne Überdehnung. Langsam, 8–12 Wiederholungen.
Ziel: Mobilisation des Lendenwirbelsäulenbereichs, Koordination Beckenboden–Rücken–Atem, nicht maximale Kraft.
Fehler: Gesäß anheben (Brücke verwechseln), Atem anhalten, ruckartige Bewegung.
Progression (ab Freigabe): kleine Brücke mit Beckenkippe kombinieren, erst in Lektion 5.
Neutralstellung des Beckens
Der BdR weist darauf hin: dauerhaftes „Unterrücken andrücken“ im Alltag ist ebenso ungünstig wie dauerhaftes Vorwölben. Die Übung trainiert den Wechsel, im Stehen gilt entspannte Neutralstellung.
Quelle: Bund Deutscher Rückenschulen (BdR)
Ergänzende sanfte Übungen
Knie zur Brust (einzeln): Rückenlage, ein Knie langsam zur Brust ziehen, 5–8 Mal pro Seite. Dehnt Gesäß, mobilisiert LWS, sanft, kein Ziehen bei Kaiserschnitt in den ersten Wochen ohne Freigabe.
Fußwippe und Knöchelkreisen: Im Liegen oder Sitzen, Durchblutung, leichte Mobilisation der Beine. Besonders nach langem Sitzen oder Stillen.
Schulterbrücke vorbereitend (nur nach Freigabe): Kleine Anhebung des Beckens ohne volle Brücke, 3–5 cm, Beckenboden mitdenken.
Vier-Füßler-Stand modifiziert (ab Freigabe, ohne Doming): Auf Hände und Knie, Wirbelsäule neutral, Atemzüge, noch ohne Beinheben.
Spaziergang: Ab hebammlicher/ärztlicher Freigabe für Gehen, 10–20 Minuten flaches Terrain, guter Schuh, zählt als Rückbildung.
- Knie zur Brust: einzeln, langsam, schmerzfrei
- Fußwippe: bei Thrombose-Risiko nur nach Freigabe
- Vier-Füßler: erst bei stabiler Körpermitte ohne Doming
- Spaziergang: täglich wenn möglich, realistische Dosis
- Keine Doppel-Beinanhebung in dieser Phase
Tagesplan Woche 0–6: Beispielroutine
Morgens (5 Min.): 6 gehüllte Atemzüge + 8 Beckenboden-Wiederholungen (wenn freigegeben oder nur Wahrnehmung).
Mittags (2 Min.): Atem-Reset vor oder nach dem Heben des Babys.
Abends (5 Min.): Beckenkippe 8–12 Wdh. + Knie zur Brust einzeln + Entspannung in Rückenlage.
Wöchentlich: ein Spaziergang (Dauer nach Freigabe und Energie). Präsenz-Rückbildungskurs oder Hebammenbesuch zur Kontrolle der Ausführung.
Anpassung: Schlafmangel-Tag? Nur Atem. Schmerz-Tag? Pause. Konsistenz über Wochen schlägt Perfektion an einem Tag.
Häufige Fragen und Fehler in der frühen Phase
„Ich spüre nichts“, normal in den ersten Tagen; Bilder, Fingerspitzendruck an Schambein, Physiotherapie helfen.
„Ich habe keine Zeit“, Atemübungen beim Stillen in Rückenlage oder während Baby auf der Matte liegt.
„Mir ist schwindelig in Rückenlage“, langsamer aufstehen, Übungen eher im Sitzen, Blutdruck/Schilddrüse bei Persistenz abklären.
„Darf ich Bauch einziehen?“, sanft auf Ausatmung ja, dauerhaft eingezogen im Alltag nein.
Nächste Lektion: Progression Woche 6–12, Kraftaufbau und längere Haltezeiten.
Supervision in den ersten Wochen
AWMF- und DHV-orientierte Versorgung empfiehlt: Rückbildung in Gruppe oder mit Hebamme ermöglicht Korrektur von Fehlmustern, bevor sie sich einprägen. Online-Übungen plus einmal wöchentlich Präsenz-Feedback ist ideal.
Quelle: AWMF / Deutscher Hebammenverband (DHV)
Das nehmen Sie mit
- Woche 0–6: Atem, Wahrnehmung, sanfte Mobilisation, Kraft erst nach Freigabe.
- Gehüllte Atmung verbindet Zwerchfell, Beckenboden und Transversus ohne Pressen.
- Beckenboden: 3 Sek. an / 3 Sek. aus, Gesäß locker, Atem fließt.
- Beckenkippe schult Koordination, langsam, ohne Atemstopp.
- Doming, Schmerz und verstärkte Blutung sind Stoppsignale.
- 5–10 Minuten täglich reichen, Konsistenz schlägt Dauer.
- Spaziergang und Ergonomie gehören zur frühen Rückbildung dazu.
- Präsenz-Feedback verbessert Ausführungsqualität deutlich.
Übungs-Checkliste
- ☐Ärztliche/hebammliche Freigabe für Übungen geklärt
- ☐Gehüllte Atmung 2× täglich geübt (je 6–10 Atemzüge)
- ☐Beckenboden 8–10 Wdh. 1× täglich (wenn freigegeben)
- ☐Beckenkippe 8–12 Wdh. langsam ausgeführt
- ☐Doming und Schmerz bei Übungen geprüft, keine aufgetreten
- ☐Mini-Tagesplan (Morgen/Abend) im Kalender oder als Erinnerung
- ☐Spaziergang-Frequenz mit Hebamme/Arzt abgestimmt
- ☐Lektion 5 (Aufbau 6–12) vorgemerkt
Quellen dieser Lektion
- •Deutscher Hebammenverband (DHV): Frühe Rückbildung und Übungsleitfäden
- •Bund Deutscher Rückenschulen (BdR): Basisübungen Rumpf
- •AWMF-Leitlinie: Betreuung nach der Entbindung
- •Cochrane Review: Pelvic floor muscle training
- •Physiotherapeutische Fachliteratur: postpartale Progressionsmodelle
- •BZgA: Bewegung im Wochenbett
Wissenscheck
3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.
Auswahlfrage
1. Was ist bei allen Übungen in Woche 0–6 oberste Regel?
Richtig oder Falsch?
2. Gehüllte Atmung bedeutet, auf Einatmung Bauch und Beckenboden weiten zu lassen und auf Ausatmung sanft mitzustabilisieren.
Richtig oder Falsch?
3. Beckenbodentraining sollte regelmäßig während der Miktion unterbrochen werden, um den Muskel zu stärken.
Richtig oder Falsch?
4. Die Beckenkippe trainiert sanfte Mobilisation und Koordination von Becken, Rücken und Beckenboden.
Auswahlfrage
5. Wie lange sollte eine typische Übungseinheit in Woche 0–6 dauern?
Richtig oder Falsch?
6. Bei verstärkter postpartaler Blutung nach Übungen sollten Sie pausieren und ärztlich Rücksprache halten.
Auswahlfrage
7. Wann ist die Beckenkippe mit voller Brücke kombiniert sinnvoll?
Richtig oder Falsch?
8. Doming entlang der Linea alba während einer Übung bedeutet, die Intensität zu reduzieren oder die Übung zu stoppen.
