
Lektion 3 von 7
Erstickung und Fremdkörper
Rückenschläge, Thoraxstöße, Würgen versus Ersticken
ca. 38 Minuten · inkl. Wissenscheck
Erstickung ist einer der häufigsten vermeidbaren Notfälle beim Säugling, und gleichzeitig einer der am besten trainierbaren. Laut ERC und DRK ist Fremdkörperaspiration eine der wichtigsten Ursachen für respiratorischen Kreislaufstillstand bei Kindern unter einem Jahr. Diese Lektion vermittelt den international standardisierten Algorithmus: fünf Rückenschläge, fünf Thoraxstöße, und den entscheidenden Unterschied zwischen Würgen und Ersticken.
Würgen ist laut. Ersticken ist leise. Ein Baby, das husten, weinen oder atmen kann, hat noch einen partiell offenen Atemweg, ermutigen Sie zum Husten, greifen Sie nicht ein. Ein Baby, das nicht atmen kann, keine Laute macht und bläulich wird, braucht sofortige Maßnahmen.
Häufige Auslöser beim Säugling: Milchstücke, Spielzeugteile, Beikost-Brocken, Magnete, Knopfzellen, Plastikfolie, Ballons. Prävention ist Teil dieser Lektion, aber wenn es passiert, zählt jede Sekunde.
Nach Beherrschung dieses Algorithmus können Sie nahtlos in die Reanimation (Lektion 2) übergehen, wenn das Baby bewusstlos wird.
Würgen versus Ersticken: wann eingreifen?
Würgen (partial airway obstruction): Das Kind hustet kräftig, kann weinen oder atmen, vielleicht mit pfeifendem Geräusch (Stridor). Die Atemwege sind teilweise blockiert, aber das Baby kämpft noch selbst. Maßnahme: Ermutigen zum Husten, nicht schlagen. Beobachten. Wenn der Husten wirkt, abwarten. Rufen Sie 112, wenn die Situation sich verschlechtert.
Ersticken (complete airway obstruction): Kein Atemgeräusch, kein Husten, kein Weinen, oft Panik im Gesicht, Zyanose (bläuliche Lippen), Bewusstlosigkeit droht. Sofort: fünf Rückenschläge, fünf Thoraxstöße. 112 alarmieren oder jemanden schicken lassen.
Der stille Notfall täuscht: Eltern hören oft erst auf, wenn es zu spät ist. Wenn Sie unsicher sind und das Baby nicht normal atmet, handeln Sie nach dem vollständigen Obstruktionsalgorithmus.
Milch kann ebenfalls aspiratieren, besonders bei Trinkschwäche oder Reflux. Wenn nach dem Stillen akute Atemnot auftritt, Baby auf den Arm nehmen, nach unten halten, Rückenschläge.
ERC: Partielle vs. komplette Obstruktion
ERC 2021: Bei effektivem Husten nicht eingreifen. Bei ineffektivem Husten oder kompletter Obstruktion sofort Rückenschläge und Thoraxstöße. Wechsel zwischen beiden Serien, bis der Fremdkörper ausfliegt oder das Kind bewusstlos wird.
Quelle: European Resuscitation Council (ERC) 2021
Rückenschläge beim Säugling: Technik

Position: Baby auf Ihrem Unterarm liegend, Bauch auf Ihrer Hand, Kopf tiefer als Po, stützen Sie den Unterkiefer mit den Fingern, nicht den Hals drücken. Oder: Baby über Ihrem Knie mit abgesenktem Kopf.
Mit der Handfläche kräftig zwischen die Schulterblätter schlagen, fünf Mal. Ziel: Druckstoß erzeugen, der den Fremdkörper aus dem Atemweg wirft. Nicht zögern aus Angst, zu fest zu sein, effektive Schläge sind nötig.
Nach jedem Schlag prüfen: Ist der Fremdkörper sichtbar im Mund? Mit Klemmgriff entfernen. Nicht blind in den Mund fahren.
Wenn nach fünf Schlägen keine Besserung: sofort fünf Thoraxstöße (nächster Abschnitt). Dann abwechselnd fünf und fünf, bis Erfolg oder Bewusstlosigkeit.
- Kopf tiefer als Po, Schwerkraft unterstützt
- Fünf kräftige Schläge zwischen die Schulterblätter
- Nach jedem Schlag: Mund prüfen, sichtbaren Fremdkörper entfernen
- Kein Blindfinger-Sweep
- Bei Bewusstlosigkeit: Reanimation beginnen (Lektion 2)
Praxis-Tipp: Üben Sie die Haltung mit einer Puppe oder einem gefalteten Handtuch, die stabile Kopf-Unterstützung ist der schwierigste Teil.
Thoraxstöße beim Säugling
Drehen Sie das Baby auf den Rücken auf Ihrem anderen Unterarm oder Oberschenkel. Kopf weiterhin tiefer als der Körper.
Zwei Finger auf die Mitte des Brustbeins, dieselbe Position wie bei CPR. Fünf kurze, kräftige Stöße nach innen (ca. 4 cm Tiefe), nicht die volle CPR-Frequenz, es sind gezielte stoßartige Kompressionen.
Wechseln Sie: fünf Rückenschläge, fünf Thoraxstöße. Wenn der Fremdkörper sichtbar wird, entfernen Sie ihn. Wenn das Baby anfängt zu weinen oder kräftig zu husten, Obstruktion ist teilweise gelöst; weiter beobachten, ggf. 112.
Wird das Baby schlaff und reagiert nicht: sofort auf feste Unterlage legen, 112, fünf initiale Beatmungen, dann CPR 15:2. Vor jeder Beatmung Mund kurz prüfen.
DRK: Heimlich-Manöver beim Säugling
Das klassische Heimlich-Manöver (Bauchstöße) wird beim Säugling nicht angewendet, zu hohes Verletzungsrisiko für Leber und Milz. ERC/DRK: Nur Rückenschläge und Thoraxstöße unter 1 Jahr.
Quelle: Deutsches Rotes Kreuz (DRK)
Häufige Fremdkörper und Risikosituationen
Beikost-Einführung (ab ca. 6 Monate): Nur altersgerechte Stücke, weich, erbsengroß, ohne harte Kanten. Ganze Trauben, Nüsse, rohe Möhrenstücke, Popcorn sind tabu.
Haushalt: Knopfzellen (Lithium, chemische Verbrennung in der Speiseröhre), kleine Magnete (Darmperforation bei Verschlucken mehrerer), Münzen, Plastikverschlüsse, Büroklammern.
Spielzeug: Alles, was durch eine Toilettenpapierrolle passt, ist für Säuglinge unter drei Jahren zu klein, nicht nur unter einem Jahr.
Ballons und Plastiktüten: Besondere Erstickungsgefahr, können sich über Mund und Nase legen.
Stillen und Flasche: Im Rücken lagern erhöht Aspirationsrisiko. Baby beim Trinken aufrecht halten. Bei Reflux: ärztlich begleiten.
- Knopfzellen und Magnete: sofort Giftnotruf/112 bei Verschlucken
- Beikost: erbsengroß, weich, beaufsichtigt essen
- Spielzeug: Rollen-Test (Toilettenpapierrolle)
- Keine kleinen Teile in Reichweite auf dem Boden
- Stillen/Flasche: aufrecht, nicht im Liegen
Prävention im Alltag
Boden-Level-Risikoanalyse: Einmal auf Augenhöhe des Babys durch die Wohnung kriechen. Alles, was eingesteckt werden kann, wandert hoch oder weg.
Geschwisterkinder einbeziehen: „Alles Kleine gehört in die Box.“ Kein Essen im Laufgitter des Babys.
Notfallkurs für Großeltern und Tagespflege, alle Betreuungspersonen sollten denselben Algorithmus kennen.
Erste-Hilfe-Poster mit Algorithmus an den Kühlschrank, unter Stress liest man lieber als erinnert man sich.
AWMF: Fremdkörperaspiration
Die AWMF betont Prävention als wirksamste Maßnahme. Bei Verdacht auf verschluckte Knopfzelle: nicht warten bis Symptome, sofort Klinik/Giftnotruf, auch ohne Atemnot.
Quelle: AWMF pädiatrische Notfallmedizin
Nach erfolgreicher Dekompression
Auch wenn das Baby wieder normal atmet und weint, ärztliche Abklärung. Mikro-Verletzungen im Rachen, Restfremdkörper, Aspiration in die Lunge sind möglich.
Beobachten Sie 24 Stunden: Fieber, erneutes Husten, Schluckbeschwerden, Apathie, sofort wieder vorstellen.
Emotional: Erstickungsereignisse sind für Eltern traumatisch. Schuldgefühle sind normal, sprechen Sie darüber. Prävention verbessern, nicht sich selbst bestrafen.
- Nach jedem Erstickungsereignis: Kinderarzt oder Notaufnahme
- Bei Knopfzelle/Magnet: Klinik auch ohne Symptome
- 24 Stunden engmaschig beobachten
- Algorithmus mit allen Betreuern wiederholen
Übungsplan für diese Lektion
Üben Sie wöchentlich zwei Minuten: Puppe gesichtsabwärts halten, fünf Rückenschläge, umdrehen, fünf Thoraxstöße. Partner gibt Feedback zur Kopfhaltung.
Szenario besprechen: „Baby wird rot, kein Laut“, wer handelt? Wer ruft 112?
In Lektion 5 behandeln wir weitere Verletzungen, Erstickung bleibt die häufigste akute Atemwegssituation.
Das nehmen Sie mit
- Würgen ist laut (Husten), nicht eingreifen. Ersticken ist leise, sofort handeln.
- Algorithmus: 5 Rückenschläge, 5 Thoraxstöße, wechseln bis frei oder bewusstlos.
- Kopf beim Säugling immer tiefer als Po bei Rückenschlägen.
- Kein Heimlich-Manöver (Bauchstöße) unter 1 Jahr, nur Rücken und Thorax.
- Bei Bewusstlosigkeit: Reanimation 15:2 (Lektion 2).
- Knopfzellen und Magnete: Erstickung und Vergiftung, Prävention und sofortige Klinik.
- Nach jedem Ereignis ärztlich vorstellen, auch bei scheinbarer Erholung.
Übungs-Checkliste
- ☐Unterschied Würgen/Ersticken kann erklärt werden
- ☐Rückenschlag-Haltung mit Puppe geübt
- ☐Thoraxstöße mit Puppe geübt
- ☐Algorithmus-Poster am Kühlschrank
- ☐Wohnung auf Erstickungsrisiken geprüft (Boden-Level)
- ☐Geschwister und Betreuungspersonen informiert
- ☐Knopfzellen und Magnete gesichert
- ☐Übergang zu CPR bei Bewusstlosigkeit verstanden
Quellen dieser Lektion
- •European Resuscitation Council (ERC): Paediatric Foreign Body Airway Obstruction 2021
- •Deutsches Rotes Kreuz (DRK): Erstickung bei Säugling und Kind
- •AWMF: Fremdkörperaspiration im Kindesalter
- •Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Erstickungsgefahren bei Kindern
- •European Child Safety Alliance: Home Safety Guidelines
Wissenscheck
3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.
Auswahlfrage
1. Ein 8 Monate altes Baby hustet kräftig und kann noch kurz schreien. Was tun?
Richtig oder Falsch?
2. Beim Säugling unter einem Jahr werden bei kompletter Erstickung Bauchstöße (Heimlich-Manöver) empfohlen.
Richtig oder Falsch?
3. Bei Rückenschlägen beim Säugling soll der Kopf tiefer liegen als der Po.
Richtig oder Falsch?
4. Komplette Atemwegsobstruktion beim Säugling ist oft mit lautem Schreien verbunden.
Auswahlfrage
5. Wie viele Rückenschläge gibt man initial bei kompletter Erstickung beim Säugling?
Richtig oder Falsch?
6. Wird das Baby bei Erstickung bewusstlos, beginnt man sofort mit Reanimation.
Richtig oder Falsch?
7. Spielzeug, das durch eine Toilettenpapierrolle passt, gilt als zu klein für Säuglinge und Kleinkinder.
Auswahlfrage
8. Was soll man nach jedem Rückenschlag tun?
