
Lektion 4 von 7
Fieber und Fieberkrämpfe
Fieber senken, Fieberkrampf erkennen, wann in die Klinik
ca. 40 Minuten · inkl. Wissenscheck
Fieber beim Säugling löst bei Eltern fast reflexartig Angst aus, zu Recht, denn sehr junge Babys können schwerwiegende Infektionen ohne dramatische Symptome durchlaufen. Gleichzeitig ist Fieber an sich kein Feind: Es ist eine Abwehrreaktion des Körpers. Diese Lektion vermittelt evidenzbasiertes Wissen nach AWMF-Leitlinien und DRK-Empfehlungen: wann Fieber messen, wann senken, wie man einen Fieberkrampf sicher begleitet und wann sofort die Klinik oder der Notarzt nötig ist.
Besonders kritisch: Säuglinge unter drei Monaten mit Fieber ab 38,0 °C rektal gelten als Notfall, unabhängig vom sonstigen Befinden. Ab drei Monaten gelten andere Schwellen und Kriterien. Wir erläutern beides klar.
Fieberkrämpfe (febrile convulsions) betreffen etwa 2–5 % der Kinder zwischen 6 Monaten und 5 Jahren. Sie sehen dramatisch aus, verlaufen in den meisten Fällen aber gutartig. Dennoch: Erstkrampf immer ärztlich abklären. Diese Lektion ersetzt keine pädiatrische Diagnostik.
Am Ende wissen Sie: Messmethoden, fiebersenkende Maßnahmen, sicheres Verhalten beim Krampf und klare Eskalationskriterien für 112 und Kinder-Notaufnahme.
Fieber beim Säugling: Grundlagen und Messung
Fieber definiert man pädiatrisch als Körpertemperatur ≥ 38,0 °C rektal (oder vergleichbar). Axillare (unter dem Arm) Messung liegt oft 0,3–0,5 °C niedriger, rektal ist beim Säugling am zuverlässigsten, wenn auch unangenehm. Ohr- und Stirnthermometer sind bei Säuglingen weniger genau.
Messung: Digitales Thermometer mit Gleitgel, Baby auf dem Rücken, Beine anheben, Thermometer vorsichtig ca. 1–2 cm einführen. Nach Signalpiep ablesen. Bei axillarer Messung: Thermometer fest in der Achselhöhle, Arm an den Körper drücken, mindestens drei bis fünf Minuten (digital oft kürzer laut Gerät).
Normale Schwingungen: Abendtemperatur kann leicht erhöht sein. Nach Impfung kann Fieber auftreten, meist harmlos, aber beobachten.
Fieber allein ist keine Diagnose, es ist ein Symptom. Entscheidend sind Alter, Allgemeinzustand, Trinkverhalten, Hautfarbe, Atmung und weitere Zeichen.
- Rektal: ≥ 38,0 °C = Fieber (Goldstandard beim Säugling)
- Axillar: oft 0,3–0,5 °C niedriger, Schwellen anpassen
- Messung in Ruhe, nicht direkt nach dem Anziehen oder Baden
- Einmalige Messung wiederholen bei Zweifel
- Fiebertagebuch führen (Zeit, Temperatur, Medikament)
AWMF: Fieber im Säuglingsalter
AWMF-Leitlinien betonen: Bei Säuglingen unter 3 Monaten mit Fieber ≥ 38,0 °C sofortige ärztliche Abklärung, Risiko für bakterielle Infektion (z. B. Harnwegsinfekt, Meningitis) hoch. Nicht abwarten bis morgen.
Quelle: AWMF S2k-Leitlinie Fieber im Kindesalter
Wann sofort in die Klinik oder 112?

Sofort 112 oder Kinder-Notaufnahme bei: Säugling unter 3 Monaten mit Fieber ≥ 38,0 °C. Schlechter Allgemeinzustand: schlaff, nicht ansprechbar, trinkt nichts, keine feuchten Windeln. Atemnot, Zyanose, Einziehen der Haut zwischen den Rippen. Petechien (nicht wegdrückbare rote Punkte), Meningokokken-Verdacht. Steifer Nacken (bei Säuglingen schwer erkennbar, eher Vorwärtsbeuge-Schmerz, Hochtonschrei). Krampfanfall (Erstmalig oder > 5 Minuten).
Dringend am selben Tag (Kinderarzt/Notdienst): Fieber > 39 °C bei gutem Zustand ab 3 Monaten, aber unter 6 Monaten trotzdem niedrige Schwelle. Fieber länger als 3 Tage ohne Erklärung. Wiederholtes Erbrechen, Durchfall mit Dehydratation. Ohrenschmerzen mit Fieber. Ausschlag mit Fieber.
Telefonische Beratung 116 117: Nur wenn kein Notfallkriterium, aber bei Säuglingen unter 3 Monaten mit Fieber nicht zögern, direkt in die Klinik.
- < 3 Monate + Fieber ≥ 38 °C = sofort Klinik
- Schlechter AZ, Atemnot, Petechien, Krampf > 5 Min. = 112
- Dehydratation: wenig Urin, trockene Schleimhäute, eingefallene Fontanelle
- Im Zweifel: lieber einmal zu viel vorstellen
- Impfreaktion: meist 24–48 h, bei Unsicherheit anrufen
DRK: Notfallkriterien Fieber
Das DRK lehrt Eltern: Bei Fieber den Zustand des Kindes beurteilen, nicht nur die Zahl auf dem Thermometer. Ein lethargisches Baby mit 38,2 °C ist gefährlicher als ein spielendes mit 39,5 °C, aber Altersschwellen gelten trotzdem.
Quelle: Deutsches Rotes Kreuz (DRK)
Fieber senken: Maßnahmen und Medikamente
Nicht-medikamentös: Leichte Kleidung (nicht einpacken, Überwärmung kann Krampf fördern). Raumtemperatur angenehm. Ausreichend trinken, Stillen oder Flasche häufiger anbieten. Kein alkoholisches Abreiben (veraltet, toxisch). Lauwarmes Wickeln nur bei Wohlbefinden des Kindes, nicht erzwingen.
Medikamentös: Paracetamol und Ibuprofen sind die einzigen gängigen fiebersenkenden Mittel im Säuglingsalter, nur nach Dosierung nach Gewicht und Alter, idealerweise nach ärztlicher oder pharmazeutischer Beratung. Keine Kombinationspräparate ohne Rücksprache. Kein Aspirin (Acetylsalicylsäure) unter 16 Jahren wegen Reye-Syndrom-Risiko.
Dosierung: Strikt nach Packungsbeilage für Gewicht, nicht nach Alter allein. Abstand zwischen Gaben einhalten. Dokumentieren, was wann gegeben wurde.
Fiebersenkung dient dem Wohlbefinden, nicht der Heilung der Infektion. Die Infektion braucht Zeit; Antibiotika nur bei bakteriellen Infekten ärztlich verordnet.
- Ausreichend Flüssigkeit, Stillen/Flasche häufiger
- Leichte Kleidung, kein „Zuschwitzen“
- Paracetamol oder Ibuprofen nach Gewichtsdosierung
- Kein Aspirin, keine Kombi-Präparate ohne Absprache
- Wirkung dokumentieren für Arztbesuch
Fieberkrampf: erkennen und begleiten
Ein Fieberkrampf manifestiert sich typischerweise als generalisierter tonisch-klonischer Krampf: Baby wird steif, zuckt, Augen verdrehen, Schaum vor dem Mund möglich, Bewusstsein verloren. Dauer meist unter fünf Minuten. Häufig bei raschem Fieberanstieg.
Was tun während des Krampfs: Ruhe bewahren. Baby auf die Seite legen (stabile Seitenlage), auf harter Unterlage, nicht festhalten. Atemwege freihalten, nichts in den Mund stecken (auch kein Löffel, keine Finger). Kleidung lockern. Zeit messen.
Wann 112: Krampf dauert länger als fünf Minuten. Wiederholter Krampf ohne vollständige Erholung dazwischen. Baby atmet nicht normal nach dem Krampf. Erstkrampf, immer ärztlich abklären, auch wenn er vorbei ist. Petechien, Meningismus-Verdacht, schlechter AZ.
Nach dem Krampf: Baby ist oft müde („postiktal“), sanft wecken, Atmung beobachten. Nicht allein lassen. Zur Abklärung vorstellen.
AWMF: Fieberkrampf
Die meisten Fieberkrämpfe sind komplex-fokal oder generalisiert und gutartig. Risiko für Epilepsie ist leicht erhöht, aber die Mehrheit entwickelt keine Epilepsie. Erstkrampf: Ausschluss Meningitis/Enzephalitis, besonders unter 12 Monaten.
Quelle: AWMF S2k-Leitlinie Fieberkrampf
Impfreaktionen und harmloses Fieber
Nach Standardimpfungen (U-Impfungen) kann leichtes Fieber und Unruhe auftreten, meist innerhalb von 24–48 Stunden. Stillen, trinken, ggf. Paracetamol nach ärztlicher Empfehlung.
Bei Fieber > 39 °C, anhaltendem Schreien, Apathie oder Ausschlag nach Impfung: Kinderarzt kontaktieren. Bei Atemnot oder Bewusstseinsstörung: 112.
Impfen schützt vor schweren Infektionen, die selbst hohes Fieber und Krämpfe verursachen können, Nutzen überwiegt.
Dehydratation erkennen
Bei Fieber verdunstet mehr Flüssigkeit. Warnzeichen: Weniger als vier nasse Windeln in 24 Stunden (bei Säuglingen), trockener Mund, keine Tränen beim Weinen, eingefallene Fontanelle, dunkler Urin.
Stillen/Flasche häufiger anbieten. Bei Erbrechen oder Verweigerung: nicht warten, Kinderarzt oder Klinik. Keine eigenmächtige Elektrolytlösung ohne Anweisung bei jüngsten Säuglingen.
- Nasse Windeln zählen
- Fontanelle und Schleimhäute prüfen
- Bei Trinkverweigerung: zeitnah ärztlich
- Kein Sportgetränk als Ersatz für Milch beim Säugling
Praktischer Notfallplan Fieber
Erstellen Sie eine Karte für den Kühlschrank: Alter des Babys, Gewicht, Dosierung Paracetamol/Ibuprofen (nach Arzt/Apotheke), Kinderarzt-Nummer, Klinik-Notaufnahme.
In Lektion 5 behandeln wir Verletzungen, Fieber nach Sturz mit Kopfanprall ist besonders kritisch und erfordert sofortige Vorstellung.
ERC: Krampf und Reanimation
Wenn ein krampfendes Baby nach dem Krampf nicht atmet und nicht reagiert, sofort CPR nach ERC-Algorithmus (Lektion 2). Krampf und Kreislaufstillstand sind selten, aber möglich.
Quelle: European Resuscitation Council (ERC) 2021
Das nehmen Sie mit
- Unter 3 Monaten mit Fieber ≥ 38 °C: sofort ärztliche Abklärung, kein Abwarten.
- Allgemeinzustand zählt mehr als die Temperaturzahl allein.
- Fieber senken: Flüssigkeit, leichte Kleidung, Paracetamol/Ibuprofen nach Gewicht.
- Fieberkrampf: Seitenlage, nichts in den Mund, Zeit messen, > 5 Min. = 112.
- Erstkrampf immer ärztlich abklären.
- Kein Aspirin, kein Alkohol-Abreiben, kein Überpacken.
- Dehydratation bei Fieber aktiv verhindern und erkennen.
Übungs-Checkliste
- ☐Digitales Thermometer und Gleitgel vorhanden
- ☐Gewicht des Babys für Medikamentendosierung notiert
- ☐Fieber-Notfallkarte am Kühlschrank
- ☐Kinderarzt und Notaufnahme-Nummer gespeichert
- ☐Notfallkriterien (< 3 Monate) verstanden
- ☐Verhalten bei Fieberkrampf geübt (Seitenlage)
- ☐Keine veralteten Hausmittel (Alkohol, Zäpfchen ohne Absprache)
- ☐Partner:in kennt gleichen Notfallplan
Quellen dieser Lektion
- •AWMF S2k-Leitlinie: Fieber und Fieberkrampf im Kindesalter
- •AWMF: Bakterielle Meningitis im Kindesalter
- •Deutsches Rotes Kreuz (DRK): Erste Hilfe, Fieber und Krampf
- •European Resuscitation Council (ERC): Paediatric Life Support 2021
- •Robert Koch-Institut (RKI): Impfreaktionen und U-Impfungen
- •Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Fieber bei Kindern
Wissenscheck
3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.
Auswahlfrage
1. Ab welcher rektalen Temperatur gilt bei einem 2 Monate alten Säugling Fieber als Notfall?
Richtig oder Falsch?
2. Bei einem Fieberkrampf soll man dem Kind einen Löffel zwischen die Zähne legen.
Richtig oder Falsch?
3. Ein Fieberkrampf, der länger als fünf Minuten dauert, erfordert den Notruf 112.
Richtig oder Falsch?
4. Fiebernde Säuglinge soll man in dicke Decken einpacken, damit sie schwitzen.
Auswahlfrage
5. Welches Schmerzmittel ist bei Säuglingen wegen Reye-Syndrom kontraindiziert?
Richtig oder Falsch?
6. Rektale Temperaturmessung ist beim Säugling für kritische Entscheidungen am zuverlässigsten.
Richtig oder Falsch?
7. Nach einem ersten Fieberkrampf kann man ohne ärztliche Vorstellung abwarten, wenn das Kind wieder normal wirkt.
Auswahlfrage
8. Was ist während eines Fieberkrampfs die wichtigste Erste-Hilfe-Maßnahme?
