
Lektion 2 von 7
Reanimation beim Säugling
Säuglings-CPR im Verhältnis 15:2, Beatmung und AED bei Kindern
ca. 42 Minuten · inkl. Wissenscheck
Reanimation beim Säugling ist die Maßnahme, die Sie sich am meisten wünschen, nie anwenden zu müssen, und gleichzeitig die, die Sie am dringendsten beherrschen sollten. Die European Resuscitation Council (ERC) Guidelines 2021 definieren klare Algorithmen für pädiatrische Basisreanimation. Diese Lektion vermittelt das Verhältnis 15:2 (15 Thoraxkompressionen, 2 Beatmungen) für Säuglinge unter einem Jahr und erklärt, wie sich das von der Erwachsenen-Reanimation (30:2) und der Kinder-Reanimation ab einem Jahr unterscheidet.
Wichtig: Der Begriff „5:15“ in der Kursbeschreibung bezieht sich auf die Praxisempfehlung, alle fünf Zyklen (also 15 Kompressionen + 2 Beatmungen = ein Zyklus; nach fünf Zyklen kurz prüfen) den Rettungsdienst zu kontaktieren, wenn Sie allein sind, nicht auf ein alternatives Kompressionsverhältnis. Das ERC-Verhältnis für Säuglinge bleibt 15:2.
Die häufigste Ursache des Kreislaufstillstands beim Säugling ist respiratorisch: Ersticken, schwere Infektion der Atemwege, Aspiration. Deshalb hat die Beatmung beim Säugling einen hohen Stellenwert. ERC: Wenn Sie unsicher sind oder nicht beatmen wollen, führen Sie zumindest kontinuierliche Thoraxkompressionen durch, aber bei Säuglingen ist Beatmung stark empfohlen.
Diese Lektion ersetzt keine praktische Übung mit zertifiziertem Ausbilder. Üben Sie die Handgriffe an einer Säuglings-Übungspuppe oder einem weichen Kissen, Muskelgedächtnis entsteht nur durch Wiederholung. Am Ende kennen Sie den vollständigen Ablauf von Erkennen bis AED-Einsatz.
Wann reanimieren?: Erkennen von Kreislaufstillstand
Reanimationspflichtigkeit liegt vor, wenn ein Säugling nicht reagiert (nicht ansprechbar) und nicht normal atmet. Gähnen, Schnappen, unregelmäßige Einzelzüge („agonal breathing“) gelten nicht als normale Atmung, sie sind Warnzeichen und erfordern sofortiges Handeln.
Prüfen Sie Reaktion: Schütteln Sie nicht am Säugling. Sanft an den Füßen oder Schultern tippen und laut ansprechen. Keine Reaktion? Atemwege öffnen und Atmung max. zehn Sekunden prüfen, Sehen (Brustkorbbewegung), Hören, Fühlen. Keine normale Atmung? Sofort beginnen.
Bei Verdacht auf Erstickung: Erst fünf Rückenschläge und fünf Thoraxstöße (Lektion 3), dann wenn das Baby bewusstlos wird und nicht atmet, in die Reanimation übergehen.
Bei Säuglingen mit angeborenen Herzfehlern oder nach Reanimation in der Vergangenheit: Individuellen Notfallplan vom Kinderarzt bereithalten.
- Nicht ansprechbar + nicht normal atmend = Reanimation starten
- Agonales Schnappen zählt nicht als normale Atmung
- Nie am Säugling schütteln, Wackeln kann Hirnblutungen verursachen
- Bei Erstickung: Fremdkörper-Algorithmus vor Reanimation, dann nahtlos übergehen
- Sofort 112, allein: fünf Zyklen 15:2, dann anrufen (wenn noch nicht geschehen)
ERC: Agonale Atmung
Agonale Atmung (seltene, tiefe, ruckartige Einatmungen) tritt bei Kreislaufstillstand auf und wird oft fälschlich als Lebenszeichen interpretiert. ERC: Als nicht normal werten und reanimieren.
Quelle: European Resuscitation Council (ERC) 2021
Atemwege öffnen: Kopfposition beim Säugling
Legen Sie das Baby auf eine feste, ebene Unterlage (Boden, Tisch mit Handtuch). Kopf in Neutralposition: Weder überstrecken noch stark nach vorne, beim Säugling reicht oft ein leichtes Anheben des Kinns.
Atemwege freimachen: Mund und Nase kurz inspizieren. Sichtbaren Fremdkörper mit dem Klemmgriff entfernen (Finger wie eine Pinzette, nicht blind hineinstochern). Kein Blindfinger-Sweep, das kann den Fremdkörper tiefer schieben.
Bei Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung (schwerer Sturz): Kopf möglichst neutral halten, Atemwege vorsichtig öffnen. Bei Säuglingen ohne Trauma-Kontext: Standard-Kinnhub.
Praxis-Tipp: Bei der Übungspuppe: Markieren Sie die Neutralposition mit einem Klebeband, so trainieren Sie die richtige Kopfhaltung.
Beatmung beim Säugling: Mund und Nase

ERC empfiehlt beim Säugling: Ihren Mund umschließt Mund und Nase des Babys gleichzeitig („Mund-Nase-Maske“ mit Ihrem Mund). Geben Sie fünf initiale Beatmungen à etwa eine Sekunde, beobachten Sie, ob sich der Brustkorb hebt. Zu stark beatmen schadet, nur so viel Luft, dass sich der Brustkorb sichtbar hebt.
Wenn sich der Brustkorb nicht hebt: Kopfposition neu einstellen, Atemwege erneut freimachen, erneut beatmen. Erst wenn das nicht hilft, Fremdkörper visuell prüfen.
Im Reanimationszyklus: Nach jeweils 15 Kompressionen geben Sie 2 Beatmungen. Unterbrechen Sie Kompressionen so kurz wie möglich für die Beatmung, maximal zehn Sekunden Pause.
Wenn Sie aus ethischen oder anderen Gründen nicht beatmen möchten: Kontinuierliche Thoraxkompressionen ohne Beatmung sind besser als nichts, ERC bevorzugt aber 15:2 bei Säuglingen.
DRK: Beatmungsvolumen
Das DRK warnt vor zu kräftiger Beatmung beim Säugling: Mageninsufflation kann Aspiration begünstigen. Nur so viel Luft, bis sich der Brustkorb hebt, nicht mehr.
Quelle: Deutsches Rotes Kreuz (DRK)
Thoraxkompressionen: Technik und Tiefe
Handposition: Zwei Finger auf dem unteren Brustkorb, in der Mitte des Brustbeins, ein Querfinger unterhalb der Brustwarzenlinie. Alternativ (bei zwei Rettern oder sehr kleinem Baby): Daumen-Umklammer-Technik, beide Hände umschließen den Brustkorb, Daumen drücken von vorne. ERC: Beide Techniken sind gleichwertig; wählen Sie die, mit der Sie effektiver komprimieren können.
Tiefe: Etwa ein Drittel des Brustkorbdurchmessers, bei den meisten Säuglingen ca. 4 cm. Frequenz: 100–120 Kompressionen pro Minute. Metronom-Apps oder der Song „Stayin' Alive“ helfen beim Rhythmus.
Kompressionen und Beatmung im Verhältnis 15:2, 15 Kompressionen, dann 2 Beatmungen. Kompressionen schnell und fest; vollständige Entlastung nach jeder Kompression (Brustkorb muss sich zurückfedern).
Wechseln Sie alle zwei Minuten mit einer zweiten Person, wenn möglich, Ermüdung reduziert die Qualität. Allein: führen Sie die Maßnahmen fort, bis Hilfe eintrifft oder das Baby wieder normal atmet und reagiert.
- 15 Kompressionen : 2 Beatmungen (ERC Säugling)
- Tiefe: ca. 1/3 Brustkorbdurchmesser (~4 cm)
- Frequenz: 100–120/min
- Vollständige Entlastung nach jeder Kompression
- Zwei-Finger-Technik oder Daumen-Umklammer-Technik
ERC 15:2 beim Säugling
Für Säuglinge unter 1 Jahr: 15:2 bei allen Rettern (professionell und laienhaft). Für Kinder 1–18 Jahre: 15:2 bei professionellen Rettern, 30:2 bei Laien. Als Eltern üben Sie 15:2 für Ihr Baby.
Quelle: European Resuscitation Council (ERC) 2021
Ablauf allein: Algorithmus Schritt für Schritt
Schritt 1: Sicherheit prüfen, für Baby und Sie. Schritt 2: Ansprechen und Atmung prüfen (max. 10 Sek.). Schritt 3: Wenn nicht ansprechbar und nicht normal atmend, fünf initiale Beatmungen. Schritt 4: 30 Kompressionen… Nein, beim Säugling: 15 Kompressionen und 2 Beatmungen als ein Zyklus.
Wenn Sie allein sind: Führen Sie fünf Zyklen (15:2) durch, das dauert etwa zwei Minuten, dann rufen Sie 112 (falls noch nicht geschehen) und holen einen AED, wenn erreichbar. Kehren Sie sofort zum Baby zurück und setzen Sie fort.
Wenn eine zweite Person da ist: Eine reanimiert, die andere ruft 112 und holt AED. Keine langen Diskussionen, Rollen sofort verteilen.
Sobald das Baby wieder normal atmet und reagiert: Stabile Seitenlage (für Säuglinge: auf dem Arm des Helfers, Kopf leicht tiefer, Mund nach unten, Zwerchfell-Atmung beobachten). Atemwege offen halten. Bei Bewusstseinsstörung oder erneutem Aussetzen: Reanimation fortsetzen.
- Allein: 5 Zyklen 15:2 → dann 112 (wenn noch nicht) → AED holen → weiter reanimieren
- Zu zweit: Sofort 112, einer reanimiert, einer AED
- Nicht aufgeben, bis Rettungsdienst übernimmt oder Baby wacht
- Nach ROSC (Return of Spontaneous Circulation): stabile Lagerung, Atmung überwachen
AED beim Kind und Säugling
Automatische externe Defibrillatoren (AED) sind in vielen öffentlichen Gebäuden, Einkaufszentren und zunehmend in Wohnanlagen verfügbar. ERC: AED so früh wie möglich einsetzen, auch bei Säuglingen, wenn rhythmogener Stillstand vermutet wird.
Kinder-AED-Pads: Wenn vorhanden, auf den nackten Brustkorb kleben, anterior-posterior (ein Pad vorn, einer zwischen die Schulterblätter) beim Säugling, wenn die Pads sich berühren würden. Wenn nur Erwachsenen-Pads da sind: können beim Kind verwendet werden, anterior-posterior, nie überlappend.
Der AED analysiert den Rhythmus und gibt Sprachanweisungen. Bei Säuglingen ist Schock-induzierter Stillstand selten, aber wenn der AED Schock empfiehlt, folgen Sie der Anweisung. Während Analyse und Schock: niemand das Baby berühren.
Nach Schock oder wenn kein Schock empfohlen: sofort CPR fortsetzen. AED alle zwei Minuten erneut analysieren lassen.
ERC: AED Pädiatrie
ERC 2021: Keine generelle Ablehnung von AED bei Säuglingen. Energie-Dosierung mit Kinder-Pads ist reduziert. Bei fehlenden Kinder-Pads: Erwachsenen-Pads anterior-posterior, Schock ist besser als kein Schock, wenn indiziert.
Quelle: European Resuscitation Council (ERC) 2021
Nach der Reanimation und Übung zu Hause
Wenn der Rettungsdienst übernimmt: Geben Sie kurze Übergabe, was passiert ist, was Sie getan haben, seit wann. Begleiten Sie Ihr Baby in die Klinik, wenn möglich.
Emotional: Eine Reanimation ist traumatisch für Eltern. Posttraumatische Reaktionen sind normal. Sprechen Sie mit Hebamme, Psychologe oder Krisendienst, auch Wochen später.
Übung: Mindestens vierteljährlich 10 Minuten CPR an der Puppe. Partner wechseln. ERC empfiehlt jährliche Auffrischung im Kurs. Filmen Sie sich nicht, aber nutzen Sie DRK-Übungsvideos als Referenz.
In Lektion 3 vertiefen wir den Erstickungsalgorithmus, der oft der Auslöser für eine Reanimation ist.
AWMF: Nach Reanimation
Überlebende Säuglinge nach Reanimation benötigen immer klinische Überwachung, Hypoxie-Nachwehen, metabolische Azidose, neurologische Beurteilung. Auch wenn das Baby „wieder gut aussieht“.
Quelle: AWMF pädiatrische Intensivmedizin
Das nehmen Sie mit
- Nicht ansprechbar + nicht normal atmend = sofort reanimieren, 112 alarmieren.
- Säuglings-CPR: 15 Kompressionen, 2 Beatmungen, Beatmung über Mund und Nase.
- Kompressionstiefe ca. 1/3 Brustkorbdurchmesser, Frequenz 100–120/min.
- Allein: fünf Zyklen 15:2, dann 112 und AED holen, wenn noch nicht geschehen.
- AED mit Kinder-Pads oder Erwachsenen-Pads anterior-posterior einsetzbar.
- Agonales Schnappen ist keine normale Atmung.
- Üben an der Puppe, Muskelgedächtnis rettet im Ernstfall.
Übungs-Checkliste
- ☐Algorithmus 15:2 auswendig können
- ☐Übungspuppe oder Kissen für monatliche Übung bereit
- ☐AED-Standorte in Wohnung und häufigen Aufenthaltsorten notiert
- ☐Mit Partner:in Rollen verteilt (CPR vs. 112/AED)
- ☐DRK-Video oder Kurs als Referenz gespeichert
- ☐Individuellen Notfallplan bei Herzfehler vom Kinderarzt vorhanden
- ☐Erstickungsalgorithmus (Lektion 3) als Vorstufe verstanden
- ☐Nächste Übung im Kalender (vierteljährlich)
Quellen dieser Lektion
- •European Resuscitation Council (ERC): Paediatric Life Support Guidelines 2021
- •European Resuscitation Council (ERC): Newborn Life Support 2021
- •Deutsches Rotes Kreuz (DRK): Reanimation Säugling und Kind
- •AWMF: Reanimationsleitlinien, pädiatrische Anpassungen
- •German Resuscitation Council (GRC): Empfehlungen für Laienhelfer
Wissenscheck
3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.
Auswahlfrage
1. Welches Kompressions-Beatmungs-Verhältnis gilt für Säuglinge unter einem Jahr laut ERC?
Richtig oder Falsch?
2. Beim Säugling umschließt man bei der Beatmung Mund und Nase gleichzeitig mit dem eigenen Mund.
Richtig oder Falsch?
3. Agonales Schnappen (seltene, unregelmäßige Atemzüge) gilt als normale Atmung, man wartet ab.
Richtig oder Falsch?
4. Ein AED darf bei Säuglingen grundsätzlich nie eingesetzt werden.
Auswahlfrage
5. Wie tief sollten Thoraxkompressionen beim Säugling ungefähr sein?
Richtig oder Falsch?
6. Wenn man allein ist, soll man erst fünf CPR-Zyklen (15:2) durchführen, bevor man 112 wählt, sofern noch nicht alarmiert.
Richtig oder Falsch?
7. Man sollte am Säugling kräftig schütteln, um es zu wecken.
Auswahlfrage
8. Wie viele initiale Beatmungen gibt ERC vor Beginn der Kompressionen beim Säugling?
