
Lektion 6 von 10
Der Geburtsplan
Wünsche formulieren: flexibel bleiben
ca. 48 Minuten · inkl. Wissenscheck
Ein Geburtsplan ist kein Vertrag und keine Garantie für einen bestimmten Verlauf. Er ist ein Kommunikationsinstrument: Er hilft Ihnen, Ihre Werte, Ängste und Präferenzen vor der Geburt zu sortieren, und Ihrem Geburts-Team mitzuteilen, was Ihnen wichtig ist, wenn Sie in der Wehe weniger klar sprechen können.
In deutschen Kliniken und bei Hebammen ist der Geburtsplan längst etabliert. Studien zeigen, dass strukturierte Wunschkommunikation die Zufriedenheit mit dem Geburtserlebnis erhöhen kann, unabhängig davon, ob ein Kaiserschnitt nötig wird oder nicht. Entscheidend ist nicht, dass alles „nach Plan“ läuft, sondern dass Sie sich gehört und respektiert fühlen.
Diese Lektion führt Sie Schritt für Schritt durch die wichtigsten Abschnitte eines Geburtsplans: von medizinischen Basisdaten über Eröffnungs- und Austreibungsphase bis zum Plan B für einen Kaiserschnitt. Sie lernen Formulierungen, die in stressigen Situationen funktionieren, und wie Ihre Partner:in den Plan vertreten kann.
Nehmen Sie sich Zeit: Ein guter Geburtsplan entsteht nicht in einer Stunde. Arbeiten Sie ihn gemeinsam aus, besprechen Sie ihn mit Ihrer Hebamme und im Klinik-Vorgespräch, und halten Sie ihn auf ein bis zwei Seiten. Alles Weitere gehört in den Anhang oder ins Gespräch.
Was ein Geburtsplan ist: und was nicht

Ein Geburtsplan dokumentiert Ihre Präferenzen für den Geburtstag. Er ersetzt weder die medizinische Beurteilung noch die Hebammenbetreuung. Das Team behält die Verantwortung für Mutter und Kind, manchmal bedeutet das, von einem Wunsch abzuweichen, wenn eine medizinische Indikation besteht.
Trotzdem lohnt sich die Arbeit: Viele Entscheidungen in der Geburt sind Handlungsspielräume, keine absoluten Muss-Regeln. Licht dimmen, Bewegung, verzögerte Nabelschnur, Hautkontakt, all das lässt sich oft verhandeln, wenn das Team Ihre Wünsche kennt.
Denken Sie an den Geburtsplan als Gesprächsgrundlage für drei Situationen: das Vorgespräch in der Klinik, die Aufnahme in der Eröffnungsphase und den Moment, in dem Sie selbst nicht mehr ausführlich kommunizieren können. Ihre Partner:in wird dann zur Stimme Ihrer vorher getroffenen Absprachen.
Kerninformationen und Kurzprofil
Beginnen Sie mit einem Kurzprofil auf der ersten Seite. Das Team liest das in Sekunden und hat sofort Kontext. Pflichtfelder: Name, Geburtsdatum, errechneter Termin, Hausarzt/Frauenärztin, bisherige Schwangerschaftsverläufe, Blutgruppe wenn bekannt, Allergien und relevante Vorerkrankungen.
Ergänzen Sie: Erstgeburt oder Wiedergeburt, geplante Geburtsort (Klinik, Geburtshaus, Hausgeburt), Name der Begleitperson, Sprache falls Deutsch nicht muttersprachlich, und ob ein Mutterpass digital oder in Papierform vorliegt.
Besondere Hinweise gehören ebenfalls hierher: Plazenta praevia in der Vorgeschichte, Sturz aufs Kreuz, Wunsch nach vertrauler Geburt, frühere traumatische Geburts-Erlebnisse oder psychische Belastungen, die das Team sensibel begleiten soll.
- Erst- oder Wiedergeburt, Risikofaktoren, SS-Verlauf
- Allergien (Medikamente, Latex, Betäubungsmittel)
- Begleitperson: Name, Telefon, Rolle
- Hebamme vor Ort / Wochenbett-Hebamme: Kontakt
- Hinweis auf Geburtsplan-Anhang (z. B. Kaiserschnitt-Wünsche)
Hebammen-Tipp: Die erste Zeile zählt
Schreiben Sie ganz oben einen Satz wie: „Wir wünschen uns eine respektvolle, informierte Geburt und sind offen für medizinische Empfehlungen, wenn Mutter oder Kind Hilfe brauchen.“ Das signalisiert Kooperation, und macht echte No-Gos glaubwürdiger.
Quelle: Deutscher Hebammenverband (DHV), Empfehlungen Geburtsplanung
Eröffnungsphase: Wünsche und Umgebung
In der Eröffnungsphase geht es um Atmosphäre, Bewegung und Schmerzbewältigung. Formulieren Sie positiv: „Ich möchte die Möglichkeit haben, mich zu bewegen“ statt „Ich will nicht auf dem Rücken liegen“. Positiv formulierte Wünsche werden vom Team eher umgesetzt.
Typische Eröffnungs-Wünsche: gedimmtes Licht, wenig unterbrochene Ruhe zwischen Wehen, eigene Musik, Türschild „Bitte klopfen“, Möglichkeit zu Dusche oder Bad, Geburtsball, TENS-Gerät, wenig vaginale Untersuchungen wenn medizinisch vertretbar.
Zum Thema Überwachung: Fragen Sie nach mobiler CTG, Intermittierendes CTG oder CTG in Seitenlage. Notieren Sie Ihre Präferenz und fügen Sie hinzu: „Ich bin offen für mehr Überwachung, wenn medizinisch nötig.“
- Atmosphäre: Licht, Geräusche, Besucherregelung
- Schmerz: natürliche Methoden zuerst, rechtzeitig Optionen besprechen
- Flüssigkeit: Wasser, Tees, leichte Snacks wenn erlaubt
- Untersuchungen: vorher fragen, Ergebnisse erklären lassen
- Begleitperson: durchgehend anwesend, Auszeiten nach Absprache
Praxis-Tipp: Formulieren Sie: „Bitte sprechen Sie mich vor jeder vaginalen Untersuchung an und erklären Sie kurz den Grund.“ Das ist ein legitimer Wunsch und erleichtert Einwilligung unter Stress.
Austreibungsphase und Pressen
In der Austreibungsphase entscheiden sich Position, Pressrhythmus und Begleitung. Viele Geburtspläne vergessen diesen Abschnitt, dabei ist er für das subjektive Erleben oft prägend.
Wünsche können sein: spontanes Pressen nach Körpergefühl statt dirigierter Presswehen, verschiedene Presspositionen (Knie, Seite, Hocker), Spiegelung nur auf Wunsch, warme Kompressen am Damm, Perinealmassage durch Hebamme oder Partner:in.
Bei PDA: Notieren Sie, dass Sie Unterstützung beim Pressen wünschen (Pressen auf Rücken, geburtshilfliche Mittellage), und dass Ihre Partner:in bei Entscheidungen mit einbezogen werden soll, wenn Sie erschöpft sind.
Kaiserschnitt als Plan B
Ein Kaiserschnitt ist für viele Paare der unsichtbare Teil des Geburtsplans, und genau der, der im Ernstfall am meisten Orientierung gibt. Planen Sie ihn nicht aus Angst, sondern als respektvollen Plan B: „Falls ein Kaiserschnitt medizinisch nötig wird, möchten wir …“
Typische Kaiserschnitt-Wünsche: Partner:in bei der OP dabei (wenn Klinik das erlaubt), langsamer Schnitt (gentle C-section / family-centered cesarean) wenn möglich, verzögerte Nabelschnur, Hautkontakt auf Brust oder Partner-Brust wenn Sie nicht selbst können, Stillen im OP-Aufwachraum.
Klären Sie vorab: Darf die Partner:in bei Notfall-OP dabei sein? Gibt es eine „sanfte“ Kaiserschnitt-Variante? Wer begleitet das Baby, wenn Sie in der Aufwachphase sind? Schreiben Sie diese Antworten in den Plan, oder notieren Sie „noch im Vorgespräch klären“.
- Partner:in bei elektivem und Notfall-Kaiserschnitt, Klinikregel vorher erfragen
- Vorhang offen oder halbtransparent auf Wunsch
- Hautkontakt so früh wie medizinisch möglich
- Stillen oder Abpumpen in den ersten Stunden
- Fotos nur mit Einwilligung, oder explizit gewünscht
Family-Centered Cesarean
Immer mehr Kliniken bieten geburtshilflich orientierte Kaiserschnitte an: langsamerer Schnitt, sofortiger Hautkontakt wenn stabil, Partner als Ansprechperson. Fragen Sie im Vorgespräch explizit danach, nicht jede Klinik hat ein standardisiertes Programm, aber viele Teams sind offen für einzelne Wünsche.
Quelle: AWMF-Leitlinie Sectio caesarea; WHO-Empfehlungen zu respektvoller Geburt
Kommunikation mit dem Geburts-Team
Der Geburtsplan erreicht sein Ziel erst, wenn er besprochen wird. Drucken Sie zwei Exemplare: eines für die Akte, eines für Ihre Partner:in. Speichern Sie eine PDF-Version auf dem Handy, und markieren Sie die wichtigsten drei Punkte fett.
Im Aufnahmegespräch: Übergeben Sie den Plan mit einem Satz: „Das sind unsere Wünsche. Wir wissen, dass medizinische Situationen Priorität haben. Bitte sprechen Sie uns an, bevor Maßnahmen durchgeführt werden, wenn es die Situation erlaubt.“
Ihre Partner:in sollte den Plan kennen wie eine Landkarte: Was sind Must-haves? Was sind Nice-to-haves? Was sind echte Grenzen? Üben Sie gemeinsam Formulierungen: „Meine Partnerin wünscht sich … Können wir Alternativen besprechen?“
- Vorgespräch Klinik: Plan vorlegen, offene Fragen klären
- Hebammen-Termin: Plan durchgehen, Realismus checken
- Geburtstag: Plan bei Aufnahme abgeben, mündlich drei Kernpunkte nennen
- Schichtwechsel: Partner:in kurz erinnern („Wir haben einen Plan“)
- Entscheidungen: Zeit zum Nachfragen einfordern, wenn keine Akutsituation
Sprache für Präferenzen und Grenzen
Die Art, wie Sie formulieren, beeinflusst, wie das Team reagiert. „Ich möchte …“ und „Können wir …?“ öffnen Gespräche. „Unter keinen Umständen …“ sollten Sie nur für echte Grenzen reservieren, etwa bestimmte Medikamente bei Allergie oder unerwünschte Personen im Raum.
Beispiele für konstruktive Formulierungen: „Ich möchte zunächst natürliche Schmerzmethoden ausprobieren. Bitte sprechen Sie mich rechtzeitig an, bevor ich zu erschöpft bin, um Optionen zu verstehen.“, „Falls eine Episiotomie erwogen wird, bitte ich um Rücksprache, sofern keine unmittelbare Gefahr besteht.“, „Ich möchte mein Baby nach der Geburt ungestört auf die Brust legen; Routineuntersuchungen, wenn möglich, am Bauch durchführen.“
Für Grenzen: „Ich habe eine dokumentierte Allergie gegen …, bitte vor jeder Medikamentengabe prüfen.“, „Ich möchte keine Student:innen ohne vorherige Rücksprache im Raum.“ Solche Sätze sind klar und schützen ohne Konfrontation.
Praxis-Tipp: Vereinbaren Sie mit Ihrer Partner:in ein Stichwort wie „Pause“ oder „Frage“, damit sie für Sie nachhaken kann, wenn Sie in der Wehe nicht mehr sprechen möchten.
Praktisches Vorgehen: Von der Idee zum fertigen Plan
Setzen Sie sich mit Ihrer Partner:in an einen ruhigen Abend. Gehen Sie Lektion 2 (Wehen), 4 (Stellungen) und 5 (Schmerz) noch einmal kurz durch, der Plan baut darauf auf. Nutzen Sie die Checkliste am Ende dieser Lektion als Gerüst.
Schreiben Sie den Rohentwurf, lassen Sie ihn zwei Tage liegen, kürzen Sie dann auf eine Seite Kernpunkte plus halbe Seite Kaiserschnitt. Alles andere ist Gesprächsstoff für Hebamme und Klinik.
Packen Sie eine Kopie in die Kliniktasche, eine ins Auto, eine aufs Handy. Markieren Sie im Mutterpass keinen Ersatz, der Plan ist Ergänzung, nicht Ersatz für medizinische Dokumentation.
- Rohentwurf schreiben, zwei Tage ruhen lassen, dann kürzen
- Kopie in Kliniktasche, Auto und Handy
- Drei Kernpunkte mündlich bei Aufnahme nennen
Das nehmen Sie mit
- Ein Geburtsplan ist ein Wunsch- und Kommunikationsdokument, kein rechtlicher Vertrag.
- Kurzprofil, Eröffnung, Austreibung und Kaiserschnitt-Plan B sind die Kernabschnitte.
- Positive Formulierungen („Ich möchte …“) funktionieren besser als reine Verbote.
- Der Plan muss mit Hebamme und Klinik besprochen werden, Papier allein reicht nicht.
- Partner:in sollte den Plan kennen und vertreten können.
- Plan B für Kaiserschnitt reduziert das Gefühl, „alles ist schief gelaufen“.
- Eine Seite Kernpunkte plus Anhang ist für das Team am handlichsten.
- Flexibilität einplanen signalisiert Kooperation und erhöht die Umsetzbarkeit von Wünschen.
Übungs-Checkliste
- ☐Kurzprofil mit medizinischen Basisdaten ausgefüllt
- ☐Eröffnungs-, Austreibungs- und Nachgeburts-Wünsche formuliert
- ☐Kaiserschnitt-Plan B mit Partner-Begleitung und Hautkontakt
- ☐Formulierungen positiv und klar, echte Grenzen markiert
- ☐Plan mit Hebamme durchgesprochen
- ☐Klinik-Vorgespräch geführt, Klinikregeln zu OP und Rooming-in geklärt
- ☐Zwei Ausdrucke + PDF auf dem Handy
- ☐Partner:in hat die wichtigsten Punkte geübt
Quellen dieser Lektion
- •AWMF S3-Leitlinie „Betreuung gesunder reifer Neugeborener in der Geburtshilfe“
- •Deutscher Hebammenverband (DHV): Empfehlungen zur Geburtsplanung
- •WHO-Empfehlungen „Intrapartum care for a positive childbirth experience“ (2018)
- •Gesellschaft für Geburtsvorbereitung (GfG): Leitfaden Geburtsplan
- •Bundesministerium für Gesundheit: Patientenverfügung und Geburtsvorbereitung
- •Cochrane Review: Interventions to enhance maternal decision-making during childbirth
Wissenscheck
4 Auswahlfragen · 4 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.
Auswahlfrage
1. Was ist der Hauptzweck eines Geburtsplans?
Richtig oder Falsch?
2. Ein Geburtsplan sollte idealerweise auf ein bis zwei Seiten Kernpunkte begrenzt werden.
Richtig oder Falsch?
3. Ein Kaiserschnitt-Plan B gehört nicht in den Geburtsplan, weil er negative Energie bringt.
Auswahlfrage
4. Welche Formulierung ist für das Geburts-Team am konstruktivsten?
Richtig oder Falsch?
5. Die Partner:in sollte die wichtigsten Punkte des Geburtsplans kennen und vertreten können.
Auswahlfrage
6. Was gehört ins Kurzprofil auf der ersten Seite?
Richtig oder Falsch?
7. Positive Formulierungen wie „Ich möchte …“ werden vom Team oft eher umgesetzt als reine Verbote.
Auswahlfrage
8. Wann sollte der Geburtsplan dem Team übergeben werden?
