
Lektion 4 von 10
Geburtsstellungen & Bewegung
Sechs Positionen, Beckenanatomie, Schwerkraft und Klinikausstattung
ca. 48 Minuten · inkl. Wissenscheck
Lange Zeit galt die Rückenlage mit hochgeschlagenen Beinen als Standardposition in Kliniken, bequem für den Operateur, für die Gebärende oft weniger optimal. Heute wissen wir: Aufrechte und asymmetrische Positionen nutzen die Schwerkraft, vergrößern den Beckeneingang und können Wehen effizienter machen. Bewegung ist kein Wellness-Extra, sondern Teil evidenzbasierter Geburtshilfe.
In dieser Lektion lernen Sie sechs zentrale Geburtsstellungen, für Zuhause in der Frühphase und für den Kreißsaal. Sie verstehen, warum das Becken kein starres Rohr ist, sondern sich durch Position verändert, und welche Hilfsmittel moderne Geburtsabteilungen bieten: Geburtsball, Geburtshocker, Seil, Stange und lagerungsseitig verstellbare Betten.
Nicht jede Position passt zu jedem Moment: CTG-Überwachung, PDA, mütterliche Erschöpfung oder kindliche Überwachung können die Wahl einschränken. Flexibilität bleibt wichtig. Ziel ist ein Repertoire, aus dem Sie und Ihr Team wählen können, nicht ein starres Programm.
Üben Sie die Stellungen jetzt in der Schwangerschaft: Vierfüßlerstand, tiefe Hocke (wenn möglich), Seitenlage mit Kissen. Ihr Körper gewöhnt sich an die Bewegungen; Ihre Partner:in lernt, Kissen zu schieben und zu stützen.
Beckenanatomie: warum Position den Geburtskanal verändert

Das weibliche Becken besteht aus knöchernem Ring (Beckenhöhle, Darmbein, Schambein) und weichem Gewebe (Bänder, Muskulatur, Damm). Die Beckenöffnung ist nicht kreisrund, sie ist oval. In aufrechter Haltung mit leicht gespreizten Beinen öffnet sich der obere Beckeneingang oft günstiger; in Knie-Ellbogen-Position kann der untere Ausgang maximal werden.
Das Baby rotiert während der Geburt: Meist von occipital anterior (Hinterhaupt nach vorn) über verschiedene Durchmesser des Beckens. Wenn der Kopf „nicht passt“, hilft manchmal Positionswechsel, nicht sofort Kaiserschnitt. Hüftkreisen, asymmetrische Positionen (ein Bein angezogen) verändern den verfügbaren Raum um Millimeter, oft entscheidend.
Der Damm (Perineum) ist die weiche Gewebebrücke zwischen Vagina und After. In aufrechter oder seitlicher Position ist er weniger exponiert als in flacher Rückenlage mit Pressen gegen die Unterlage.
Beckenendlage vs. Beckenform
Eine „enge“ Beckenform ist selten der alleinige Grund für Kaiserschnitt. Häufiger spielen Kindslage, Kopfposition und Wehenkraft zusammen. Positionswechsel und Geduld sind oft die erste Intervention, nicht sofortiger operativer Entschluss.
Quelle: AWMF-Leitlinien Geburtshilfe
Schwerkraft und aktive Geburt
In aufrechter Position wirkt die Schwerkraft mit dem kindlichen Kopf nach unten, auf den Zervix (was Wehen verstärken kann) und später durch den Geburtskanal. Liegend entfällt dieser Vorteil teilweise; die Gebärende muss mehr „arbeiten“.
Bewegung zwischen Wehen, Gehen, Hüftschwung, Treppensteigen in der Frühphase, fördert den kindlichen Abstieg und die Öffnung. In der aktiven Phase: Positionswechsel alle 20–30 Minuten, wenn keine medizinische Einschränkung besteht.
Ruhepositionen sind ebenso wichtig: Seitenlage mit Kissen zwischen den Knien erlaubt Schlaf und Erholung. Aktiv und ruhig wechseln sich ab, nicht dauerhaft „Leistungssport“.
- Aufrecht: Schwerkraft, größerer Beckeneingang
- Bewegung: fördert Abstieg und Öffnung
- Wechsel alle 20–30 Min: verhindert Ermüdung einzelner Muskelgruppen
- Ruhe in Seitenlage: Energie für spätere Austreibung sparen
Sechs zentrale Geburtsstellungen

1. Aufrecht Stehen / Langsam Gehen: Gewicht auf beiden Beinen oder lehnt an Partner/Wand. Hüften locker. Gut in Früh- und Aktivphase, CTG teils mit Mobilgerät möglich.
2. Vierfüßlerstand (Knie-Hand-Position): Entlastet Rücken, fördert occipital anterior Rotation. Kissen unter Knien. Ideal bei Rückenwehen. Partner kann sakralen Druck ausüben.
3. Knien aufrecht / Kniestand am Geburtsball: Oberkörper auf Ball oder hohem Kissen gelegt. Becken frei, Hüftkreise möglich. Kombiniert Schwerkraft und Entlastung.
4. Seitenlage mit angezogenem oberen Bein: Erholung und Schlaf zwischen Wehen. Asymmetrisch: oberes Bein auf Kissen oder Stange, vergrößert Beckendurchmesser. CTG-freundlich.
5. Tiefe Hocke mit Unterstützung: Partner oder Stange hält, Knie nach außen, Fersen ggf. erhöht wenn Waden nicht dehnen. Maximaler Beckenausgang, starker Pressdrang in Austreibung. Nur mit sicherer Stütze.
6. Halbsitzend im Bett (Rücken leicht erhöht, nicht flach): Kompromiss für CTG und Erschöpfung, Beine nach außen, nicht flach auf dem Rücken pressen. Geburtshocker oder Lagerungsbett hilft.
Praxis-Tipp: Fotografieren Sie sich in jeder Stellung (ohne Gesicht), die Bilder helfen der Partner:in am Geburtstag beim Kissen-Positionieren.
Der Geburtsball: vielseitigstes Hilfsmittel
Ein anti burst Geburtsball (65–75 cm Durchmesser je nach Körpergröße) sollte bis etwa SSW 36 getestet werden, richtige Höhe: Knie leicht unter Hüftniveau im Sitzen. Aufpumpen nach Herstellerangaben; nicht zu weich.
Anwendungen: Auf und Ab federn im Sitzen (lockert Becken), Hüftkreise, Oberkörper in Vierfüßler auf Ball legen, Ball an Wand lehnen im Stehen. Nie allein auf Ball ohne Stütze in fortgeschrittener Geburt, Sturzgefahr bei Wehen.
Viele Hebammen verleihen Bälle; Kliniken haben oft eigene. Eigener Ball mit Hygieneüberzug mitbringen ist oft erlaubt, vorher fragen.
Kontraindikationen selten; bei vorzeitigem Blasensprung oder bestimmten Herztönen kann die Hebamme Einschränkungen empfehlen.
- Höhe: Hüften leicht höher oder auf gleicher Ebene mit Knien
- Hüftkreise: langsam, beide Richtungen
- Vierfüßler über Ball: Rückenentlastung
- Immer mit Partner oder Wand abstützen bei aktiven Wehen
- Ball vor Geburt zu Hause üben
Weitere Klinikausstattung: Hocker, Seil, Stange, Bett
Geburtshocker / Geburtssessel: Aufrecht sitzen, Becken geöffnet, gut für Austreibung mit Pressdrang. Oft höher als normaler Stuhl.
Geburtsseil / Reckstange: Zum Festhalten im Stehen oder Kniestand, entlastet Arme, erlaubt Hängen und Öffnen des Beckens. Nicht in eigenes Gewicht hängen ohne Anleitung.
Multifunktionsbetten: Können in halbaufrechte Position, Knie-Position oder flache Rückenlage verstellt werden. Fragen Sie im Vorgespräch nach Modell und Möglichkeiten.
Geburtswanne / Duschstuhl: Wasser geburt ist separates Thema, hier relevant als Entspannung in Eröffnung; Stuhl in der Dusche ermöglicht sitzende Wasseranwendung.
CTG mit Mobilgerät (Telemetry) oder Wasserdicht: Ermöglicht freie Bewegung trotz Überwachung, nicht überall verfügbar, aber nachfragen lohnt sich.
Freie Geburtspositionen und CTG
Leitlinien empfehlen, Gebärende nicht nur aus Überwachungsgründen in Rückenlage zu fixieren. Wenn kontinuierliches CTG nötig ist, sind Mobil-CTG oder intermittierende Auskultation, wo medizinisch vertretbar, der Bewegungsfreiheit vorzuziehen.
Quelle: WHO Intrapartum Care (2018)
Partner-Unterstützung bei Stellungswechseln
Partner:innen sind „Position Manager“: Kissen holen, Ball halten, Beine stützen in Seitenlage, sacralen Druck in Vierfüßler (mit Einverständnis), Wasser reichen nach jedem Wechsel.
Vor dem Wechsel kurz ankündigen: „Nächste Wehe, dann drehen wir dich zur Seite.“ Nicht mitten im Peak umpositionieren, wenn nicht nötig.
Sakrale Druckmassage: Fäuste oder Handballen gegen unteren Rücken, seitlich der Wirbelsäule, fest nach innen und oben. Viele lieben es in Rückenwehen, fragen Sie zwischen Wehen, ob es gewünscht ist.
Schulterstütze im Stehen: Partner steht hinter Ihnen, Sie lehnen sich zurück, entspannt Rücken und Nacken.
- Kissen-Strategie: mindestens 3–4 verschiedene Größen in Kliniktasche
- Wechsel zwischen Wehen planen, nicht im Peak
- Sakraldruck nur nach Absprache
- Partner trägt bequeme Schuhe, lange Stehzeiten
Einschränkungen: PDA, CTG, Erschöpfung
Periduralanästhesie kann Beinschwäche verursachen, Stehen nur mit Unterstützung oder im Bett mit Lagerungshilfe. Seitenlage mit Spiegelung oder halbsitzend bleibt oft möglich.
Bei mütterlicher Erschöpfung oder Kindesnotfall kann das Team Rückenlage oder Knie-Lithotomie empfehlen, medizinische Indikation hat Vorrang. Sie können trotzdem bitten: „Kurz hochkant vor dem Pressen?“
Notieren Sie gewünschte Positionen und Hilfsmittel im Geburtsplan (Lektion 6). Formulierung: „Ich möchte mich frei bewegen, solange medizinisch unbedenklich. Bitte Geburtsball und Mobil-CTG wenn verfügbar.“
Übungsplan Stellungen: diese Woche
Tag 1–2: 5 Min Vierfüßlerstand und Hüftkreise auf Ball täglich.
Tag 3–4: Seitenlage mit Kissen, 10 Min lesen/entspannen in Position.
Tag 5: Mit Partner sakrale Druckmassage 2 Min üben (ohne Schwangerschaftswehe simulieren, sanft).
Tag 6: Alle sechs Stellungen je 1 Min durchprobieren, was fühlt sich gut an?
Vor Klinikfahrt: Stellungen mental durchgehen, Ihr Körper erinnert sich.
Kombinieren Sie mit Lektion 3: In simulierter Wehe Stellung wechseln und atmen.
Das nehmen Sie mit
- Aufrechte Positionen nutzen Schwerkraft und vergrößern oft den Beckendurchmesser.
- Sechs Kernstellungen: stehen, Vierfüßler, Kniestand am Ball, Seitenlage, Hocke, halbsitzend.
- Positionswechsel alle 20–30 Minuten verhindert einseitige Ermüdung.
- Geburtsball: Hüftkreise, Vierfüßler, Federn, vorher üben.
- Klinik: Hocker, Seil, verstellbares Bett, Mobil-CTG nachfragen.
- Partner:in managt Kissen, Stütze und sakralen Druck nach Absprache.
- PDA und CTG schränken ein, schließen Bewegung nicht immer aus.
- Geburtsplan: gewünschte Hilfsmittel und Bewegungsfreiheit notieren.
Übungs-Checkliste
- ☐Geburtsball aufgepumpt und Höhe getestet
- ☐Sechs Stellungen mindestens einmal geübt
- ☐3–4 Kissen für Klinik eingeplant
- ☐Partner:in übt sakralen Druck und Kissen-Positionierung
- ☐Im Vorgespräch: Ball, Hocker, Mobil-CTG erfragt
- ☐Fotos oder Skizzen der Lieblingsstellungen für Geburtsplan
- ☐Kombination Atem + Stellung in simulierter Wehe geübt
- ☐Bequeme Kleidung für Bewegung in Kliniktasche
Quellen dieser Lektion
- •WHO: Intrapartum Care for a Positive Childbirth Experience (2018)
- •AWMF-Leitlinie: Betreuung während Schwangerschaft und Geburt
- •Deutscher Hebammenverband (DHV): Aktive Geburt und Geburtsstellungen
- •Cochrane Review: Maternal positions and mobility during labour
- •NICE Guideline NG192, Positionen in der Geburt
- •BZgA: Informationen zu Geburtsvorbereitung und Hilfsmitteln
Wissenscheck
3 Auswahlfragen · 5 Richtig/Falsch · Mindestens 70 % zum Bestehen.
Auswahlfrage
1. Warum können aufrechte Positionen den Geburtsverlauf unterstützen?
Richtig oder Falsch?
2. Der Vierfüßlerstand kann bei Rückenwehen entlasten und die Rotation des kindlichen Kopfes unterstützen.
Richtig oder Falsch?
3. Man sollte während der gesamten Geburt ohne Pause in einer einzigen Position bleiben.
Auswahlfrage
4. Wofür wird der Geburtsball häufig eingesetzt?
Richtig oder Falsch?
5. Mit Periduralanästhesie sind alle aufrechten Positionen grundsätzlich verboten.
Richtig oder Falsch?
6. Sakrale Druckmassage sollte ohne vorherige Absprache in jeder Wehe durchgeführt werden.
Auswahlfrage
7. Welche Stellung maximiert oft den Beckenausgang bei sicherer Unterstützung?
Richtig oder Falsch?
8. Mobil-CTG oder intermittierende Auskultation können mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen als fest verkabeltes CTG in Rückenlage.
